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stationirte Militärcommando stand unter
dem Befehle eines ebenso humanen als
gebildeten Ofsiciers, der Rapoport zu»
fällig kennen leinte und an dem gebilde-
ten Israelitm-Iüngling solches Gefallen
fand, daß er ihn zu sich lud, und als er
den Bildungsdrang desselben erkannte,
ihm den Vorschlag machte, ihn in der
französischen Sprache zu unterrichten.
Mit Freude nahm der Militärflüchtling
den Antrag des freundlichen Ofsiciers an
uno so gab sich R. in der kleinen Stadt
jenen Studien hin, welche in Lemberg
a!6 erster Schritt zur Ketzerei gegolten
hätten. R. machte die besten Fortschritte
und hatte sich, nachdem der Schrecken
der Necrutirung vorüber war, soweit
Kenntniß im Französischen angeeignet,
daß er sich nun selbst weiter bilden
konnte. Nach Lemberg zurückgekehrt, las
«r heimlich französische Bücher — denn
seine Eltern, vornehmlich die Mutter
hätte sich entseht, wenn sie in ihrem
Hause ein nichthebräisches Buch gefun»
den hätte — und stieß in seinem Leseeifer
aufBayle's großes „Oiotionnaire lii-
zloriczue «riticiue". Mit diesem Buche
ging R, ein neues Licht auf, die historisch»
kritische Behandlungsweise desselben zün»
dete in dem lebhaften Geiste 3iapo>
port'S. Aus seinen Studien wußte er,
daß auch sein Volk große Männer besaß,
welche einen mächtigen Einfluß auf die
Entwickelung des Iudenthums ausgeübt
hatten, aber seinen Glaubensgenossen
nur wenig bekannt waren, oder gar
im dämmerhaften Lichte der Sage
und des Märchens erschienen. Ganz in
der Art nun, wie Bayle die großen
Denker und Heroen der allgemeinen
Geschichte, so wollte er die denkwür-
digen Personen seines Volkes, dessen
Gesetzeslehrer, Sprachforscher, Dichter
und Denker behandeln, sc> wollle er ihre Wecke duichstudiren, die Berichte
ihrer Zeitgenossen, die Aufzeichnungen
ihrer Nachfolger und die in verschiedenen
Lileraturwerken zerstreuten Bemerkungen
sammeln, kritisch untersuchen, strenge
prüfen und in der Weise seines französi-
schen Vorbildes. Lebensbilder aus der
Geschichte des israelitischen Volles nie-
derschreiben. Und R. unterzog sich in
der That dieser Arbeit und leistete in
dieser Richtung so Ausgezeichnetes, daß
er eben damit seinen literarischen Ruhm
begründete. Die Uebersicht seiner ver«
schiedenen Schriften folgt S. 389 u. f.
Bis zum Jahre 183? lebte R. ausschließ-
lich mit seinen literarischen Arbeiten und
der Fortbildung seines Geistes beschäf»
tigt. in den bescheidensten Verhältnissen
in Lemberg. Gegen Ende des genannten
Jahres wurde er durch Vermittelung des
Joseph Perl s>bd. XXII, S. 27) und
mit Unterstützung des damaligen Lem>
bcrger Polizei-Direciorg Ritter von La-
cher»Masoch als Kreisrabbiner nacb
Tarnopol in Galizien berufen. Aber so
leicht sollte er nicht eine Stelle erreichen,
auf der er in nützlichster Weise zu wirken
befähigt war. Gegen feiüc Wahl erhob
sich die heftigste Apposition, die immer
zunahm und endlich einen bedenklichen
Charakter annehmen zu wollen schien.
Insbesondere als Perl darauf bestand,
daß der neue Rabbiner nicht in dcr mit
dem, Schulgebäude verbundenen, sondern
in der alten Synagoge sein Gebet ver-
richte und predige, da loderte das furcht»
barste Feuer der Zwietracht in der Ge-
meinde aus. Anachem auf Anathem
wurde gegen Rapoport und Per l
und gegen deren Familienanhänger und
Verehrer geschleudert. Aber in seinem
Freunde Per l fand N. einen mächtigen
Schutz, treu und unerschrocken stand er
ihm in den bedrohlichen Kämpfen zur
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon