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Reich Reich
Neich's mittheilt. Meißner nennt die»
ses Schreiben einen Nothschrei, den nicht
blos der DĂĽrftige, sondern der dem
Tode Verfallen,?, der unrettbar Verlorne
ausstieĂź. Endlich war doch ein Verleger
fĂĽr die Arbeiten Rei ch's gefunden. Der
Buchhändler Karl Be l lm ann hat die
selvenĂĽbernommenundMeiĂźn er theilte
diese angenehme Nachricht seinem kranken
Freunde nach Wien mit. Aber das Leiden
desselben war bereits mächtig vorgtschrit
ten, was ihn vor Wochen ĂĽberglĂĽcklich
gemacht halte, nahm er nun lheilnahmS
los auf und ein aus diesem Anlasse an
MeiĂźner gerichtetes Schreiben ist der
Ausdruck der vollsten Apathie eines Men»
scken, der vom ^eben nichts mehr erwar»
tet. Seine Ruhelosigkeit lieĂź ihn auch
nicht länger in Wien leben; so wenig die
Jahreszeit fĂĽr einen Kranken wie Reich
zum Reisen geeignet war, machte er sich
doch im Februar 18ll7 auf und fuhr
nach Prag. Es trieb ihn eine nameulofe
Sehnsucht nach seiner Heimat, nach seinen
Verwandten, nach einem Mädchen, dc>S
er liebte. Am t. M^ärz kam er in Stieb»
nitz, einem unweit von seinem Geburts»
orte Nokitnitz gelegenen Städtchen, an,
wo er sich im Wirthshause einquartierte.
Seinen Erwartungen folgte nun die bit>
tersie Enttäuschung. Das Mädchen, das
er liebte, hatte sich uon ihm abgewandt;
die Bekannten zĂĽrnten ihm, daĂź er Den
und Jenen in seinen Novellen wie zum
Greifen geschildert; es fehlte nicht an
beleidigenden Worten und Ausfällen.
Seine Verbitterung stieg auf's Höchste,
nun wollte gar dcr Wirth einen Patien«
ten nicht im Hause haben; ungeachtet er
Alles bezahlt, erfuhr er eine beispiellose
Vernachlässigung, die Lieblosigkeit von
allen Seiten nahm in unglaublicher Weise
zu; man trieb den armen Kranken, den
tief im Herzen Verwundeten, Physisch Verlorenen sozusagen aus dem Leben
hmanS. Da es im Wirthshause nicht
mehr auszuhalten war, ĂĽbersiedelte er
zu einem Freunde, der ihn aufgenom»
men. Am 26. März verließ er seine
Wohnung frĂĽh am Tage; mit dem
Stocke in der Hand, schritt er unaufhalt.
snm vorwärts und uerlor sich dann im
Walde. Als er Abends nicht heim kam.
wurde der Freund, bei dem er wohnte,
unruhig und begab sich auf Reich's
Zimmer, wo er auf dem Tische einen an
seinen Vater gerichteten Brief fand, in
welchem er die Entstehungsursache seines
Entschlusses, die Welt zu uerloffm, in
ruhiger und klarer Weise darstellte. Un»
mittelbar darauf erschien in der Wiener
Zeitung „Presse" einInserat von Neich's
Verwandten, woraus zu ersehen war, daĂź
er sie plötzlich und in so auffallender Weise
verlassen haben muĂźte, daĂź sie ihn baten,
uon seinem Aufenthaltsorte Kunde zu
geben. Reich selbst gab sie nicht mehr;
sie kam von Anderen, die ihn am 6. April
im Walde, „die hohe Wurzel" benannt,
cine Stunde von Nokitnitz, todt liegen
gefunden. Er hatte sich selbst das Leben
genommen. Außer den bereits erwähn»
ten Arbeiten erschien von ihm ein Buch:
il der Gm>ze. An« dem Nachlasse lirrmiz-
gegeben durch A!lret> Mcissner" (Prag
'1388, Karl Bellmann. 8°.). Das Buch
enthält nußer eimr kurzen LebenSfkizze,
welche MeiĂźner geschrieben, mehrere
Erzählungen und Schildereien: „AuS
der Chronik eines Dorfgeistlichen"; —
„Das Jägerhaus"; — „Nur ein Schrei»
ber"; — „Der halbe KaSpar"; —
„Veilchen"; — „Der Trutzian"; —
„Der Onkel aus Petersburg"; — „Der
Jäger auf den Bergen"; — „Mammon
m Gebirge". Noch hinterlieĂź er emen
unbeendigten Roman: „Friedet". Viele
andere Aufsätze, Novellen, Erzählungen,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Volume 25
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Rasner-Rhederer
- Volume
- 25
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1868
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 446
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon