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N« schauer 304 Neschauer
ziger-Iahren des vorigen Jahrhundert
als armer Seidenzeugmacher nach Wien
errichtete hier im Jahre 1794 eine Sei>
denzeugfabrik in der Mittersteiggasse au
der Wieden und gelangte zu bedeutendem
Wohlstande. Sein Sohn Heinrich
R.'s Vater, übernahm im Jahre 1838
daS blühende Geschäft. Auf die erst,
Erziehung und geistige Entwicklung sei
nes Enkels nahm der Großvater, ein fü
Kunst und Wissenschaften begeisterter,
von Iosephinischen Grundsätzen erfüllter
Bürger, wesentlichen Einfluß. Er über
wachte die Wahl der Lehrer des begabten
Knaben, der seiner steten Kränklichkei
wegen nicht einer Schule anvertrau
werden konnte, sondern zu Hause unter
richtet werden mußte. Als einziger Sohn
zum Nachfolger im väterlichen Geschäfte
bestimmt, arbeitete R. schon in früher
Jugend alS Lehrling auf dem Webstuhle,
der Großvater sehte es aber durch, daß
er gleichzeitig auch in den Gymnasial,
gegenständen Privatunterricht erhielt.
Die Revolutionsstürme des IahreS 1848
griffen in die Entwicklung deö Knaben
störend ein. Sein Vater, ein entschiedener
«Schwarzgelber", wie damals die äon»
servativen gescholten wurden, wollte nun,
damit der Gohn nicht auch einmal ein
«Aulaheld" werde, nicht mehr gestatten,
daß er die bereits begonnenen Gymna»
sialstudien fortsehe. Sein Lehrer, ein
damaliger Legionär, der leider zu früh
verstorbene, spatere UniverfitätS-Profefsor
Grai l ich ^Bd. V, S. 304). der sich
als Mineralog einen Namen erwarb,
wurde entlassen und R. zu den Wiedner
Piaristen geschickt, um die Realschule
derselben zu besuchen und zum praktischen
Geschäftsmanne sich heranzubilden. Mit
genauer Noth rettete R> am 6. October
1848 sein Leben. Nr folgte jener Wiedner
Nationalgarde'Lompagnie, welcher sein Vater angehörte, auf ihrem Marsche in
die innere Stadt und war Zeuge des
gräßlichen ConfiicteS, der zwischen diesen
Garden und einer auf dem Stephans»
platze aufgestellten Compagnie Stadt»
garden ausbrach. Der Bürgerkrieg nahm
hier seinen Anfang und schlug bis an die
Altäre des Domes seine blutigen Wogen;
Garde schoß auf Garde, eS gab Todte
und Verwundete, und N.. der in dem
Gedränge nicht im Stande war, sich aus
dem Kugelregen zu flüchten, dankte eS
nur seinem Glücke, daß er, dessen Kapp»
chen zwei Kugeln durchlöcherten, mit
heiler Haut davon gekommen war. I n
Folge der Revolution verlor R.'s Vater
sein bedeutendes Vermögen. Derselbe
faßte nämlich im Jahre 1847 den un»
glücklichen Enlschluß, sein im besten
Gange befindliches Geschäft aufzugeben
und die Einführung der Fabcication von
Saflor»Extract in Oesterreich zu ver»
suchen. Nr verlor im Laufe der nächsten
fünf Jahre bei diesem, durch die plötzlich
hereingebrochen« Revolution und deren
handelspolitische Folgen völlig mißlunge»
len Experimente Hab und Gut, und da
er sich nicht entschließen konnte, den
Concurs anzumelden, auch daS bedeu»
tende Vermögen, welches er von dem im
Jahre 1838 verstorbenen Großvater
ererbt hatte. Der in den glücklichsten
Verhältnissen aufgewachsene Knabe sollte
nun zu einem Buchhändler in die Lehre
ommen, erklärte aber seinen Eltern, sie
mögen um sein Fortkommen nicht besorgt
sein, er werde, um weiter studiren zu
Nnnen, selbst für sich sorgen. I n der
That zog sich R.. welcher bis dahin
wider seinen Willen bei den Piaristen auf
er Wieden und an der Schottenfelder
Ober-Realschule den Realstudien sich ge>
widmet hatte, von seinen Eltern weg.
Aller Subsistenzmitteln entblößt, blieb
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Volume 25
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Rasner-Rhederer
- Volume
- 25
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1868
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 446
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon