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Ne schauer 306 Neschauer
dessen Internirung die Flucht nach der
Schweiz ergriff und steckbrieflich verfolgt
wurde. Der Proceß der „Volksstimme"
erregte als erster großer Preßproceß in
Oesterreich Aufsehen, und R., welcher
sieben Tage auf der Anklagebank saß,
wurde schließlich ak instantis, freigespro»
chen. Durch seine selbstgefühlte Verthei»
digung in zahlreichen Blättern wörtlich
revroducirt, wurde sein Name bei dem
Zeitungspublicum nur noch mehr be>
kannt. Nachdem er noch den Antrag,
die Redaction eines anderen Gratzer
Blattes zu übernehmen, abgelehnt hatte,
kehrte er nach Wien zurück und trat
wieder in die Redaction des „Wanderer"
ein. Mit seinen in der Abendausgabe
dieses Blnttes erschienenen Artikeln über
communale und locale Wiener Angele»
genheiten und Vorgänge schuf R. ein bis
dahin in der Wiener Journalistik noch
nicht cultivirtes Genre. Die mit I I . k.
chissrirten Artikel verschafften ihm schon
damals in den liberalen bürgerlichen
Kreisen einen guten Ruf. Im Jahre
1863 übernahm R. bei der „Morgen»
post", dem damals verbreitetsten und
bestgeleiteten Wiener Volksblatte, die
Redaction des localen Theiles. Er ent-
wickelte sich hier auf einem freilich be-
schränkten, aber für die locale Presse
wichtig gewordenen Gebiete, nämlich auf
jenem der Gemeinde > Angelegenheiten,
immer mehr und mehr, und gewann
alsbald bei dem wahlberechtigten Theile
der Bevölkerung einen nicht unbedeuten»
den Einfluß. Wiener von Geburt, aus
dem Gewerbeflande hervorgegangen, mit
größter Uneigennützigkeit jederzeit bereit,
den an ihn sich wendenden Wählerkreisen
seine Feder zur Verfügung zu stellen, bei
allen Wahlen nicht bloö als Journalist,
sondern auch durch persönliche Agitation
für die Kandidaten deS freisinnigen Bür» gerthums thätig, erwarb sich R. inner»
halb weniger Jahre in seiner Vaterstadt
den Ruf eines überzeugungstreuen und
gesinnungstüchtigen ManneS. Im Jänner
1866 verehlichte sich R. mit Clementine
Winter, der sechzehnjährigen Tochter
eineö damals geachteteten Mitgliedes des
Wiener Gemeinderathes. Durch das noch
im selben Jahre in Folge von Börsever»
lusten plötzlich herbeigeführte Falliment
seines Schwiegervaters wurde auch R.
schwer getroffen. Er hatte nun nicht nur
für die eigene Familie, sondern auch für
seine Schwiegermutter und deren Kinder
zu sorgen, und entschloß sich daher, trotz»
dem er bei der „Morgenpost" mit jour»
nalistischen Arbeiten überreich in Anspruch
genommen war, um seine Einnahmen
zu vermehren, zur Herausgabe seiner
schon vor Jahren in Angriff gmomme»
nen „Gl«chichte der Mlner AeMntwri des
Jahre« I8A8". R. hatte für dieseS Werk
eingehende Studien unternommen. Durch
seine Stellung in stetem Verkehre mit
einer großen Anzahl von Persönlichkeiten,
die an den Ereignissen deS Jahres 1848
lebhaften und hervorragenden Antheil
genommen, beschränkte er sich nicht dar»
auf, sich blos deren Aufzeichnungen zu
verschaffen, sondern wendete sich auch
nn die zahlreichen, in England und Nord-
amerika befindlichen Emigranten um
Mittheilung ihrer Erlebnisse während der
Revolution, zumeist nicht ohne Crfolg.
Ausgerüstet mit mehr als 700 solchen
Aufzeichnungen von Zeitgenossen der
Revolution, mit einer reichen Sammlung
der während derselben in Wien erschiene«
nen amtlichen Actenstücke, Zeitungen und
Flugblätter, sowie der meisten, im
Laufe der Zeit, sowohl in Büchern und
Broschüren, als in auswärtigen Revuen
und Zeitungen erschienenen Arbeiten über
die Wiener Ereignisse im Jahre 1843
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Volume 25
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Rasner-Rhederer
- Volume
- 25
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1868
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 446
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon