Page - 327 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Rasner-Rhederer, Volume 25
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Nettich 327 Vettich
um mit Anschuß zu reden, den damals
noch unbekannten Dichter über Nacht
zum gefeierten österreichischen und bald
auch deutschen Dichter. Um jedoch von
der historischen Wahrheit nicht abzuwe!
chen, bemerken wir, daß Frau Rettich
in der ersten Vorstellung der „GriseldiS"
die Rolle der Gineura gab, aber gleich
am zweiten Abende die Titelrolle über
nahm, um sie für immer zu behalten.
Von nun an gehörte sie bis zu ihrer
tödtlichen Erkrankung, also durch mehr
als dreißig Jahre, dem Burgtheater an.
Um ein Vild dieser großen und. sagen
wir eS offen, in dieser Art unerreichten
Künstler-Individualität zu geben, folgt
aus S. 329 in chronologischer Reihe
eine Uebersicht ihrer Hauptrollen — mit
Ausnahme der schon genannten. — Wir
fördern mit einer solchen Aufzählung ein
Stück Geschichte deS Wiener Hofburg.
Theaters zu Tage, andererseits gestalten
wir ein lebendiges Bild der Künstlerin
in allen ihren Uebergängen von der
Liebhaberin zu den jugendlichen Heroinen
und dann zu eigentlichen Heldenpartien.
Noch sei bemerkt, daß sie in den Ferien.
monaten Gastspiele auf verschiedenen
Bühnen Oesterreichs und Deutschlands
gab, wo sie überall, wie in Wien, die
größten Triumphe feierte. — Wir haben
nur noch Weniges über Julie Rettich
als Frau und Mut te r hinzuzufügen.
Den Keim des Leidens, das mit ihrem
Tode endete, und an dem sie in den
letzten Momenten schmerzlichst, aber mit
einer seltenen Ergebung Utt, schien sie
bereits lange in sich getragen zu haben.
An« 18. September 1863 wurde sie zum
eisten Male auf dem Theaterzettel un>
päßlich gemeldet, den Tag zuvor hatte
sie in der Porcia in Shakespeare'S
„Julius Cäsar« zum letzten Male die
Bühne des Burgtheateis betreten. Die letzten Worte, die sie auf der Bühne
(zu Bru tus) sprach, waren: «Sagt
mir, waS ihr beschloßt, ich will'S bewah-
ren I Ich habe meine Stärke hart ge»
prüft > Freiwillig eine Wunde mir ve»
setzend j Ertrug' ich das geduldig ^ Und
ein Geheimniß meines Gatten nicbt?"
Während ihrer langen, lorbeergeschmück»
ten Laufbahn bewährte sie eine seltene
Musterhaftigkeit und Pünctlichkeit. Wäi>
rend der ganzen Zeit ihrer Wirksamkeit
auf der Hofbühne hat sie nie durch eine
plötzliche Absage das Repertoir gestört,
oder eine ihr zugetheilte Rolle, wenn
ihr dieselbe auch nicht zusagte, zurück»
gewiesen. I m Gegentheile von edlem
künstlerischem Ehrgeize beseelt, sehnte sie
sich immer nach nbuen Rollen, und ge-
radelnden letzten Jahren ihrer Thätig,
keit entwickelte sie nach dieser Richtung
eine staunenswerthe Rührigkeit und Be»
reitwilligkeit, welche unter Colleginen
und Collegen fast sprichwörtlich gewor>
den war, so daß man sich scherzweise
äußerte: „Würde der Frau R etl i ch der
„König Lear" zur Darstellung überwie»
sen werden, sie würde wohl bedenklich
den Kopf schütteln, aber ihn schließlich
doch spielen." Ihr Eifer, ihr Pflicht-
gefühl finden heute in der Periode
des VirtuosenthumS in der Kunst kaum
ihres Gleichen. Wenn sie zur ersten
Probe eines neuen StückeS erschien,
wußte sie ihre Rolle schon auswendig,
hatte sie jede Nuance, jede Betonung
genau durchdacht. Dabei kam ihr eine
hervorragende, die verschiedensten Fächer
umfassende Nildung vortrefflich zu stat>
ten; mit dem Geiste der Zeit immer
Schritt haltend, blieb keine literarische
Neuigkeit von ihr unbeachtet, und durch
sorgfältig gewählte Lectüre und daS
Studium der besten wissenschaftlichen.,
namentlich historischen Werke, sowie durch
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Volume 25
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Rasner-Rhederer
- Volume
- 25
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1868
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 446
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon