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der Großvater leitet. — Zum Schlüsse
sei noch bemerkt, daß Julie Rettich
ihre reichen Geistesgaben nicht blos auf
der Bühne, sondern auch schöpferisch in
mehreren Arbeiten, die sich im Nachlasse
vorfanden, entfaltete. Noch bei Lebzeiten
hatle sie einige Jahre vor ihrem Tode
der Direction deS Burgtheaters ein
Stück: „Nie alte Inngier", eingereicht.
Niemand kannte den Verfasser dieser
Arbeit, die im Großen und Ganzen
wohlgelungen und nur im Einzelnen eine
Umarbeitung wünschenswerth erscheinen
ließ. Nach der Hand stellte sich heraus,
daß Frau Rettich die Verfasserin war.
Und auf ihrem Schmerzenülager noch
hatte sie mit Bleistift ein dreiactigeS
Schauspiel niedergeschrieben, das sie mit
ergreifenden Worten der Liebe und deS
Dankes ihrem Gatten widmete. Zu An»
fang deS I . 1867 wurde im Buchhandel
ein Band vermischter Schriften — theils
Oclginal-Arbeiten novellistischen und dra-
malischen Inhalts, theils Uebersehungen
auS dem Englischen enthaltend, auS dem
literarischen Nachlasse der Künstlerin ange»
kündigt. Jedoch schemtderselbe bisher nicht
erschienen zu sein. Bei ihrem Tode zeigte
sich die Theilnahme der Bevölkerung in
ihrer ganzen Bedeutenheit, die Räume
des protestantischen Bethauses, wo die
Leiche eingesegnet wurde, faßten die Zahl
der Leidtragenden, welche in den umlie»
genden Straßen in unübersehbarer Menge
versammelt waren, nicht. Weithin durch
die entfernten Vorstädte, die nach dem
Friedhofe führen, standen dichte Gruppen,
des ZugeS harrend, der sich in dem Ge>
wühle nur langsam fortbewegen konnte.
Man trug eine Frau zu Grabe, die von !
Allen, selbst von Jenen, die nicht daS
Glück hatten, sie persönlich zu kennen,
hoch verehrt wurde. Sie machte das in
engherzigen Gemüthern und in Kreisen, ^ welche die neue Zeit nicht verstehen, weil
sie mit ihrem ganzen Denken in den
Vorurtheilen und Abgeschmacktheiten
einer längstvergangenen Zeit wurzeln,
herrschende Vorurtheil über den Schau-
spielerstand zu nichte; wahrhaftig, sie
war nur eine Schauspielerin, aber als
solche wie als Weib größer, sittlicher und
durch ihren Einfluß gewaltiger als viele,
durch Geburt und Verhältnisse bevor»
zugte Naturen, die es gar nicht verstehen,
dieser zufälligen Bevorzugung gerecht zu
werden.
l. NMen-NtPertolr der Frau Juli« Nettich, Mit
Nebergehung der schon in der Lebensslizze g«,
nannten Rollen au« den 1.1828 u. !83» folgen
hier !» chronologischer Reihe die Hauptrollen
dieser großen Künstlerin, und wird bei jenen
Stücken, welche mit ihr die erste Aufführung
erlebten, !n welchen sie also den Charalter
der ihr übertragenen Nolle gleichsam schuf,
das Datum der ersten Aufführung beigefügt.
183N. Die Magelona in „Schuld und
Vußc", von einem ungenannten Autor. —
Die Chriemhild in Raup ach'S „Nibe>
lungenhort".
1831. Am 2l, Jänner: Die Flaminia
in Houwald'S „Die Seeräuber". — Am
8, Februar- Die Isabel la in Holbein'«
„Fürst und Minnesänger". — Am 8. April:
Die Hero in Vri l lparzec's „DeS Meeres
und der Liede Wellen". — Die Ophel ia
in „Hamlet". — Die T l u i r a in M ü l I n e r'S
„Schuld", — Die Sappbo'in Gri l lpar«
zer's gleichnamigem Stücke. — Die Laoy
Macbeth in Shalespearr's „Macbeth".
1832. Am 2». April: Die Olympia ln
Bauernfeld'6 «Der Musiker von Äug«,
bürg". — Am tll. October: Die Gabriele
in des Grafen Johann Ma j l ä th „Die
„Zwillingsfchwestern". — ?anassa im gleich»
namigen Stücke uon Plümicte, — Die
Frau in „Der Wahn".
1833. Die Beatrice in Schiller'«
„Nraut uon Messina". Mit dieser Rolle schloß
sie ihr erstes Engagement am Wiener Hof<
burg'Theater ab, das ersr183N wieder beginnt.
183«, Am l3. April: Die Baronin
in „Das geraubte Kind" uon Koch. —
Am 5. Mai: Die Eleonore in die „Bela>
gerung von Calais" uon Treitschke. —
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Rasner-Rhederer, Volume 25
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Rasner-Rhederer
- Volume
- 25
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1868
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 446
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon