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Scheller 490 Scheuer
friesischen Dorfe im größten Elend im
Jahre 4800). Eine der merkwürdigsten
Erscheinungen in der Mufikwelt. und der
nach Allem, was er auf seinem Instru-
mente, der Violine, ausführte, als ein
Vorläufer Paganini 's angesehen wer«
den kann. Seine Schicksale sind — wie
dieß bei großen Virtuosen zuweilen
vorkommt — wenig erbaulich und enden
traurig. Von seinen Eltern für den geist.
lichen Stand bestimmt, kam er nach Prag
in dieIesuitenschule und hatte bereits die
Rhetorik — so hieß damals die zweite
HumanitätSclaffe am Gymnasium — be«
endet, als er. seinem unbezwingbaren
Dränge zur Musik folgend, die Studien
aufgab und sich ausschließlich der Kunst
widmete. Als ganz junger Musicus kam
er nach Wien, das muß also schon meh-
rere Jahre früher gewesen sein, als Dir-
tersdorf bei seinem Besuche Wiens im
Jahre 1786 Scheller's gedenkt. Von
Wien begab sich S. nach München, wo
er unter einem tüchtigen Meister Namens
Gröner seine Studien fortsetzte. Nun
kam er nach Mannheim, erhielt dort
eine Anstellung beim Theaterorchester,
welche er zwei Jahre inne hatte, wah-
rend welcher Zeit ihn die Unterweisun«
gen deS berühmten Abbä Vogler in
seiner Kunst wesentlich förderten. Von
Mannheim ging er in die Schweiz, dann
nach Italien und zuletzt nach Paus, wo
er durch drei Jahre verweilte und Gcle>
genheit fand, mit den größten Meistern
seines Instrumentes, einem V io t t i ,
Sa in t George u. A. zusammen zu
spielen. Nach seiner Rückkehr nach
Deutschland trat er 1783 in Dienste des
Herzogs von Württemberg als Concert
meister seiner Hauscapelle zu Mömpel«
gard. Sieben Jahre bereits versah er
diesen Posten, als der Einsall der Fran
zosen im Jahre 1791 den Herzog zur Flucht zwang und S.'s bisheriges Dienst.
Verhältniß auflöste. Scheller, nun
wieder sich selbst überlassen, zog von Ort
zu Ort, und dieß wüste Wanderleben
brachte ihn bei seiner Neigung zum
Trunke völlig herunter. Ungeachtet des»
sen erregte er überall, wo er sich hören
ließ, mit seinem Spiele Bewunderung und
grenzenloses Erstaunen. Der Bericht über
ein von ihm im Jahre 1794 zu Sonders«
hausen gegebenes Concert laßt einiger»
maßen seine Virtuosität ahnen. Er ließ
sich im Juli g. I . hören. Er spielte
eines der schönsten Concerte von Hoff.
meister mit seltener Meisterschaft. Den
ganzen ersten Satz des Rondo trug er
in Flageolettönen auf seinem Instru.
mente so wahr, leicht und rein vor,
daß es in keiner Weise vom Blasmstru»
mente, dessen Töne es nachahmte, zu
unterscheiden war. Außer den zahlreichen
Schwierigkeiten, welche dieses Concert
schon an sich besitzt, brachte S. noch ganz-
besondere in die von ihm virtuos ausge«
führten Cadenzen: „Piquirte Läufer von
mehr als zwei Octavengriffen in höchster
Geschwindigkeit, theils durch Tonleitern
von zwei Octaven, theils in Melodien,
Terziengängen von mancherlei Art, Lall»
fer durch halbe Töne über das ganze
Griffbrett der Geige, anhaltende heftige
Passagen von der höchsten Lage bis zu
tiefen Tönen; und seine gebrochenen und
laufenden Passagen führte sein Bogen
mit solcher Kraft, daß sie einem heftigen
Schloffenwetter im Anprallen an die
Fenster glichen. Und dieß Alles mit einer
Gleichheit. Deutlichkeit und Fülle des
Tones, daß auch der der Musik un»
kundigste Zuhörer davon bewegt wurde.
Dabei fehlte es nicht am tempo rudkto
und an Bogenkünsien." Zur Belustigung
der Damen spielte er den damals all«
gemein beliebten „Marlborough" oder
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sax-Schimpf, Volume 29
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Sax-Schimpf
- Volume
- 29
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1875
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 374
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon