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Scherer 212 Scherer
deuteudereu. in Feuilleton
nale enthaltenen Aufsätze S.'s bilden. N i°
cbard Heinzel hat in der „Deutschen
Zeitung"(Wien)vom22.Novemberj874,
Nr. 106s, eine bemerkenswerthe Kritik
über dieses Werk in gleichzeitiger Abfer-
tigung eincS Kritikers —x geschrieben,
welcher in der „Wiener Abendpost" den
wissenschaftlichen Werth des Buches bei
Seite setzend. gegen den politischen
Stcmdpunct Scherer's znFelde gezogen
ist. Noch sei eines Umstcmdes Erwäh-
nung gethan, der einerseits S.'S wissen»
schaftlichen Standpunct in einer noch
unerledigten Frage präcisirt und ande-
rerseits Zeugniß gibt von der keine Rück-
ficht kennenden Unabhängigkeit des jun-
gen Gelehrten, der sich durch Autoritats«
schwindet ganz und garnicht beirren läßt.
Als Scher er noch Privcüdocent in Wien
war. lehrte daselbst Franz Pfeiffer,
der berühmte Germanist, dessen Nach«
folger, wie schon-erwähnt, Scherer
wurde. Es war eben die Frage wegen
der Autorschaft deS Nibelungenliedes an
der Tagesordnung. Scher er schlug sich
auf Lachmann'S Seite — war er ja
doch selbst ein Schüler Mül len ho ff'S,
der wieder ein Schüler Zachmann's
gewesen. Scher er lehrte und begrün«
dete Lachmann's Ansicht: das Nibe-
lungenlied bestehe auS einzelnen, im
Munde des Volkes befindlichen, von
unbekannten Verfassern herrührenden
Gedichten. die dann von einem
Schreiber zusammengestellt wurden, der
die schreiendsten Widersprüche ausglich.
Scherer bediente sich, seine Gedanken
über die großen Nationalepen zu praci-
firen, der Worte des slavischen Forschers
Miklosich M . XVII I , S. 26ih: „Die
Entstehung der großen Epen sei Buch.
dinderarbeit". Pfei f fer vertritt be»
kanntlich die Ansicht: wir verdanken daS Nibelungenlied Einem.
und als solchen bezeichnete er den Oeste»
reicher Kürnberger, welche er auch
mit großem Scharfsinne in seiner Denk-
rede in der feierlichen Sitzung der Wiener
kaif. Akademie der Wissenschaften vom
30. Mai 1862 darzuthun gesucht hat.
Obwohl S ch e r e r nicht Prüfungs.
comtnissär war, eine Eigenschaft, welche
es ermöglicht, daß die langweiligsten
Vorträge geistloser Professoren, welche
eben Prüfungscommissare sind, zahl-
reich besucht werden, so versammelte er
doch immer einen ansehnlichen Zuhörer-
kreis um seine Vortrage, mit welchem er
in dem von ihm geleiteten Seminar
auch in persönlichen Verkehr trat. Ohne
auf Scherer's politische Ansichten einzu»
gehen und ungeachtet einer gewissen,
nicht wegzuläugnenden norddeutschen
Schroffheit, übte doch sein geistvoller
Vortrag — wie Schreiber dieses selbst
erfahren hat — eine seltene Anziehungs«
kraft aus seine Zuhörer, so daß man
ihm seine politischen Ercurse, die sich
an ihm als einem mit österreichischem
Gelde besoldeten Professor curios aus»
nahmen, zu Gute halten mochte: ent>
sprangen sie zuletzt doch nur aus dem
Feuereifer deutschen Bewußtseins, dessen
sich auch kein wahrer Oesterreicher ent«
schlagen kann, wenn er die Kapriolen
der anderen mit ihm verbundenen Volks»
stamme nüchternen Auges betrachtet.
Vereinigten sich in Scherer's Vort:a»
gen neben gründlichen philologischen,
historischen und . national'ökonomischen
Kenntnissen ein wunderbarer Blick und
ein sicheres Treffen, so sehte man gern
über alles Ungehörige sich hinweg, was
ihm bei der gegnerischen Partei so sehr
schadete und seine ungewöhnliche Tüchtig-
keit vergessen ließ. In politischer Hinsicbt
war und ist Scher er ein entschiedener
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Sax-Schimpf, Volume 29
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Sax-Schimpf
- Volume
- 29
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1875
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 374
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon