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Schröder, Suphie ZZ1 Schröder^ Softhie
Schlagwort älterer Leute heißt „d ä in onis ch",
wenn sie von diesen Schrö der'schcn Aus'
brüchen sprachen. Ich glaube, sie haben nicht
ganz Unrecht, aber auch kaum ganz Recht.
Wir suchen im Dämonischen ein gute« Theil
wüder Phantasie, weltstüniienden, völlig un>
abhängigen Gedankens. Nm gerade habe ich
nie wahrgenommen in ihr; ich habe sie nie
gedankenreich, nie ungestüm und dreist in der
Gedankenwelt gefunden, Ihre Kmft war die
eines starken Willens, mächtiger, unnahbarer
Entschlüsse, In dksem Bereiche werden sich
auch ihre stärksten Rollen finden, und man
spricht gewiß mit Fug und Recht uon ihrer
außerordentlichen Lady Macbeth, Eine ratw>
nell erwachsende Leidenschaft besaß sie gewiß
in starkem Grade, Desgleichen die Leiden»
schaft eines herben, ja harten Naturells.
Schwerlich die einer warmen Gluth. — Und
nun.- Besaß sie Schönheit genug?
Man wird die Frage nicht mißuerstehen und
an die blos äußerliche Schönheit der Trschri«
nung denke». Diese besaß sie bekanntlich nicht.
Sie war klein und mehr robust als schön
gebaut. Auch im Antlitz waren starke Knochen
und eine kurze Nase dem schönen Eindrucke
nicht förderlich. Dieß Alles hindert nicht, im
Ganzen und namentlich in der Bewegung
des Körpers ästhetisch schön zu wirken. Das
vermochte sie. Sie hatte eine so lange und
so gründliche Schule durchgemacht, daß ihr
volles Ebenmaß der Haltung und des kölper«
lichen Ausdruckes gnnz und gar eigen war.
Alle Schilderungen ihrer ankiken Rollen stim<
men darin überein. Was die Schönheit in
mehr äußerlicher Bedeutung betrifft, in der
Bedeutung, daß die bloße Erscheinung gewin»
nend und liebenswürdig sei, darüber ist sie
selbst beizeiten streng gegen sich gewesen im
eigenen Zutrauen. Naö alte Soufflirbuch des
„goldenen Vließes" in der Abtheilung „Die
Argonauten" hat mir darüber einen merkwür.
digen Aufschluß gegeben. In diesm „Nrgo>
nauten" ist vielfach uon dem, wenn auch
wilden, Mädchenreiz? der Medea die Rede in
den Liebesscenen mit Iason. Mit Schrecken
sah ich, daß all das gestrichen war. Was auf
Medea's Liebreiz nur irgendwie hindeutete,
war ausgelöscht. Das hatte Sophie Schiö«
der nicht passend erachtet für sich. Es blieb
nun freilich unklar, auf Kosten der Dichtung,
woher denn wohl die Neigung Iason's
stammte, aber die Darstellerin der Wedea
war nun gesichert, daß man ihr nichts uo«
einer Liebhaberin zutrauen durfte. Sie war
II.Zur künstlerischen ClMMcr iM. Laube iidcr
Sophie Schröder. „Was", schreibt Laube,
„war der Gnmdchamkter ihrer Kunst und
wodurch ist sie für uns die aroße Schauspie.
lerin geworden? Ihr Grundchuralter war
schwerer Ernst und omch den Vort rag in
erster Linie ist sie die große Schauspielerin
geworden. Ihr Organ war sonor, ihr Nccent
rein, ihre Vintheüung der Rede meisterhaft.
Sie stammte aus der guten Zeit, welche
gespannten Sinnes eine neue Literatur auf°
nahm, welche jedes schöne Wort begrüßte,
welche die Bedeutung eines jeden Wortes
genau würdigte. Eine solche Zeit spricht in
ihrer Redekunst so klar als möglich, sie sucht
für jede Wendung des Snßes den entspre-
chenden Ton. Sie stammte ferner aus einer
Zeit, welche neben der ideal auffliegenden
Literatur doch in der Schauspielschule uon
Schröder undI f f land einen realen tech<
nischen Voden hatte. Diesen Vodm durften
damalige Schauspieler nicht leicht verlassen
in unverstandener Ueberschwenglichkeit. Leute
wie Schröder und I f f land verlangten
auch für die Ueberschwenglichkeit Erklärung,
Motimrung lind stufenweise» Gang. Aus die>
sen Einflüssen ist Sophie Schrö der in ihrem
Schauspiel-Charakter hervorgegangen. Dieser
Charakter war nicht so bloZ ideal, wie jetzt
oft behauptet wird; er ruhte auf einer sehr
realen technischen Grundlage; er holte sich
gar manche Begrürwung oder Ausschmückung
vom realen Felde. Die nächste Frage ist:
War sie nur declamirend, oder war sie zu
sehr declamireno, wie ihr neuerdings nach»
aesagt wird? Ihre Declamat ion drängte
sich nicht vor, löste sich nicht ab vom
dramatischen Charakter. Sie sprach schön,
sie sprach — man empfand es wohl — mit
Bewußtsein, daß die Art des Sprechens eine
Hauptsache wäre, abrr sie hiett die Verbin«
düng mit dem dramatischen Gedanken und
Gange unzweifelhaft fest, sie sprach dramatisch
schön. Die letzte Frage wird sein- Hatte sie
Leidenschaft genug? Entwickelte sie Schön«
heit genug? Hatte sie Leidenschaft ge>
n u g? Zur Beantwortung dieser Frage gibt
ihre persönliche Bekanntschaft mir Anhalts-
puncte näherer Art. Sie war eine tief ernst«
hafte, strenge Natur und hat mich in ihren
Aeußerungen wohl an puritanische Leiden«
schuften aus Cromwel l 's Nähe erinnert.
Nicht an die Leidenschaft des Südens, wohl
aber an die schonungslos leidenschaftlichen
Nusbrüche der Nordlandstecken. Das beliebte
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Schnabel-Schrötter, Volume 31
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Schnabel-Schrötter
- Volume
- 31
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1876
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 402
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon