Page - 138 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Stehlik-Stietka, Volume 38
Image of the Page - 138 -
Text of the Page - 138 -
Steinte 538 Steinle
ersckeint in den großen Werken sein aanzes
Wesen wie aufgegangen; da entfaltet sich
sein Geist in wunderbarer Fülle und die
Idee tritt, bis in5 Einzelnste ausgeprägt, in
voller Klarlxit hervor. Es ist nicht die vollen»
dete. nur in einzelnen Muren, wie z. B. in
der Maria, einem bestimmten Typus folgende
Zeichnung, es ist auch nicht die musterhafte
ÄuSführuna, die unS fesselt; nrin. der im
Ganzen unmittelbar hervortretende Geist ist
eS, der aus diesen Werken so laut und rein
zu uns spricht. Steinle's Zeichnung ist
unendlich klar und bestimmt; er wriß seinen
Linien ein solches Leben zu geben, daß sie.
um vollkommen zu wirken, kaum der Farben
bedürfen; wie ein vollendeter Redner nie
das Wort zu suchen braucht, so scheint er
mit dem Griffel zu sprechen, ohne je irre zu
gehen. Dem Pinsel räumt er nie zu großes
Recht ein. eine Behandlung, wie sie Veit
und Cornel ius auch lieben. Der Körper
mutz uor dem Geiste zurücktreten; nie darf
die Farbe die Zeichnung zurüsdränssen, der
Ausdruck des Gesichtes muh über die Ge
schicklichteit der Pinselführung und der Far»
bengebung siegen. Man hat wohl früher
sonderbarer Weise gesagt, er sei in der Be»
Handlung der Farbe, besonders in der Oel«
malerei, nicht glücklich; wir hatten freilich
nur die geringere Zahl seiner Werke, besonders
der neueren, zu sehen das Glück, ader in
diesen können wir dach nur das bewußte
Streben finden, die Farbe unterzuordnen
oder je nach der Bedeutsamkeit des Gegen»
standes zu behandeln. Wir erinnern uns.
eine seiner Töchter in ganzer Figur von ihm
in Oel gemalt gesehen zu haben, und müssen
gestehen, daß uns kaum ein prachtvoller ge>
malles Bild zu Gesichte gekommen ist. Hier
war das volle jugendliche Leben und dem»
gemäß auch die heitersten, wärmsten Farben.
So scheint uns, was man an seiner Malerei
vermissen will, kein Mangel, sondern viel«
mehr ein absichtliches Unterordnen, ein Stre»
bcn, den Geist über die Sinnlichkeit siegen
zu lassen." — Elise Polko berichtet über
den Künstler in einem ihrer anregenden
Essays, welche sie in jüngster Zeit in Hall»
berger's „Ueber Land und Meer" veröffent»
licht: „ Im eisten Stocke des Städel'schen
Museums zu Frankfurt a. M. liegt die
Werkstatt des l8!0 in Wien geborenen
Eduard Stein le, des frommen und be»
geisterten modernen Verkünders der Herrlich»
keit der Kirche. Nie die alten erhabenen Meister der italienischen, spanischen und
deutschen Malerfchule, bat auch er seinen
leuchtenden Pinsel dem Dienste der h. Neli.
gion geweiht, und wie ein seliges Vergessen
der heutigen Welt mit ihrem Lärm und
Streit, ihrem Jagen und Drängen, kommt
es über uns. diesen geflügelten, verklärten
Gebilden einer frommen Seele gegenüber.
Mit heiliger Inbrunst dem katholischen Glau«
ben anhängend, folgte der bewährte Künstler
den Spuren seiner strahlenden Vorbilder
Overb eck und Cornel ius. Steinle's
liebevolle, von echter tiefer Frömmigkeit
durchzogene Schöpfungen sind allbekannt;
wer hat nicht schon seinen mit Jacob rin«
genden Engel, seine Auferweckung von Iairi
Töchterlein oder die Fresken in der B e t h.
m a n n . H o l l w e g 'schen Capelle des
Schlosses Rheineck bei Bonn bewundert,
oder nicht in Schauern der Andacht auf»
geblickt zu den gewaltigen Gruppen seiner
Engelschöre im Dome zu Köln! So mäch>
tig auch Steinle's historische Bilder der
früheren Periode wirken, so lieblich uns
seine verschiedenen Märchengestalten erscheinen
und die Illustrationen der Sh akesp eare'<
schen Muse. so liegt doch offenbar die höchste
Kraft seines Pinsels in der Darstellung der
göttlichen Mysterien und seine Mission ist,
nach meiner Empfindung, die Predigt in
Farben und Licht von der ewigen Wunden
Welt des Glaubens. Wer seine Kirchenfenster,
die heiligen Feste darstellend, anzuschauen
vermag ohne wahrhaft nachhaltige Erhebung,
dem leuchteten nie die Lictiter eines Weih«
nachtsbaumes, dem läuteten nie die Oster»
glocken ins Herz, für den wurden keine
Engel Fiesole's und Madonnen N a fa el's
gemalt." — In einer ausführlichen Beurthei»
lung der zweiten allgemeinen deutschen Kunst'
ausstelluna in Köln, welche die „Leipziger
illustrirte Zeitung" (Nr. 93l. 2l. September
186i) brachte, hieß es über S te in le : „Aus
Frankfurt a. M. sehen wir eine Neihe von
Bildern, welche den Beweis liefern, daß die
dort wirklich schaffenden Maler frei ihrer
individuellen Neigung folgen. Den sinnigen
Ernst, die tiefe Innigkeit des Professors
Ste in le. der in Frankfurt lehrt, finden
wir nur bei dem Meister, bei keinem der
Zöglinge der dortigen Kunstschule. Steinle's
Madonna, der h. Lucas und Maria sind der
lebendigsten Quelle des Glaubens entsprun«
gene Bilder. In seiner Meisterschaft, der
Vielseitigkeit seines reichen Künsilergemüthes,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Stehlik-Stietka, Volume 38
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Stehlik-Stietka
- Volume
- 38
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1879
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 398
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon