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Steinle 139 Steinle
hat sich der Künstler in seinen Zeichnungen
und seinen Aquarellen bewährt. Das Aquarell
„Der Cardinal Peni tenziar i o" ist in der
Einfachheit seines VorwurfeS — der Cardi
nal umfängt mit dem rechten Arme einen
vor ihm knienden beichtenden Campa^nolo
— uoller rührend ergreifender Lebenswahr«
heit. Man ahnt mitleidsvoll die Zerknir«
schung deS Sünders, man vernimmt die
Worte der Sühne, des Trostes von den
Lippen des Beichtvaters. Wer sich vor diesem
Bilde nicht ergriffen fühlt, hat kein Gefühl
für die Wahrheit der Kunst..." — Haben
wir bis jetzt nur Stimmen mitgetheilt, welche
uneingeschränkt dem Meister huldigen, so
möge hier — da wir der Unparteilichkeit
wegen allen Parteien d.iS Wort gönnen —
noch das Urlheil deö Nestors der deutschen
Kunstforscher, des Dr. Ernst Förster, seine
Stelle finden. Dr. Förster schreibt im
Jahre 1838 in der „Kölnischen Zeitung":
Ste in le in Frankfurt aebt auf den Wegen
von O u erb eck und Veit und zeichnet sich
durch ein^n besonders stillen Geist der Com-
Position und durch Adel und Reinheit der
Zeichnung aus. Nur in der Wahl des Gegen,
stcmdeS und der Art der Darstellung folgt er
zuweilen mehr den Eingebungen eines streng
kirchlichen Interesses als eines künstlerischen
Geschmackes. Hier sieht man von ihm die
Cartons zu den Engeln, welche er im Chor
des Kölner Domes in Fresco ausgeführt,
schöne, unmuthige, schwebende Gestalten, in
die Dreiecke componirt. welche von den Linien
der Spitzbogen. Pfeiler und Gesimse zwischen
Pfeilern und Arcaden gebildet werden. Auf
der 'Ausstellung machen sie einen sehr ange»
nehmen Eindruck; im Dome beeinträchtigen
sie durch idre Größe die Wirkung der Archi»
tektur; denn die Gothik — das wußien die
alten Baumeister recht wohl — verträgt keine
Gestalten, deren Maß ihre Bauformen noch
viel kleiner erscheinen läßt, als sie sind. Sie
griffen lieber zu krüppelhaften Figuren der
Sculptur und zu Teppichmustern der (Glas»)
Malerei, um eines großen, ergreifenden Ge.
sammteindruckcs ihres Gebäudes gewiß zu
bleiben. — Ein großes Oelgemälde von
Steinle. „Der Besuch Marias bei Elisabeth",
Hai so sehr alle Vorzüge der Veit'schen
Weise, zu componiren. zu zeichnen uno zu
malen, daß — ich es für ein Werk von
Veit gehalten und als solches früher in
meinen Berichten besprochen habe. Indem ich
die Leser dieser Irrung halber um Verzei« bu:,g anspreche, bitte ich sie, deS dort Ge.
sagten sich für die gegenwärtige Stelle erin»
nern zu wollen. — Die Geselchte der Kunst»
entwicklung in Köln, von Kar ls des Großen
Förderung der -Bildung an bis zur Schen.
kung der Reliquien der h. drei Könige durch
Barbarossa, die Gründung des Domes
bis zu dessen Herstellung und Weiterbau in
unseren Tagen mit vielen seiner höchsten,
hohen und berühmten Gönner und Be.
schützer — wahrscheinlich für das neue Mu»
seum in Köln bestimmt — ist ein sehr ver»
losender Gegenstand, der aber Steinle 's
künstlerischer Eigenthümlichkeit offenbar ganz
ferne liegt. Wie poetisch und idealistisch auch
immer die Geschickte aufgefaßt werde: ihre
Darstellungen müssen doch stets das Zeichen
haben, daß sie dem wirklichen Leben ent»
nommen sind, idre Charaktere müssen Indi»
vidunlität, ihre Handlungen den Schein der
Nnmitt?ldarkcit halben. Steinle bewegt sich
dagegen, seinem Talente und seiner Sinnes»
richiung nach, mit Vorliede uno Glück auf
dem streng symbolischen Gellet?, in Weisen,
für welche der kirchliche Mus mit seinen
bloßen Andeutungen des Geschehenen und
der Feierlichkeit des Heilgen Dienstes den
Ton angibt und das Maß de6 Ausdrucks fest»
stellt, und finden wir für die Darstellungen
aus der Geschichte keine Modisication des
ihm eigenen kirchlichen Styls. Da von den
Vertretern des Naturalismus, der gesch-nink.
ten Prosa oder der Geistesarmuty in der
Kunst der Idealismus als lebenäleerer Sche.
matismus verschrien wird, wäre es freilich
gerade bei dieser Gelegenheit zu wünschen
gewesen, daß dem Vublicum dargethan
würde, wie frische Auffassung. Lebendigkeit
der Darstellung, Wahrheit und Reichthum
der Motive sich mit dem ernstesten Styl
der Anordnung und Zeichnung auf das
vollkommenste vertragen. Außerdem leiden
die Kompositionen Mangel an Klarheit, da
die Perioden und Ereignisse nicht räumlich
getrennt, sondern gleichsam wie eine Proces.
sion auf demselben Wege vereinigt sind;
unter welchen Umständen auch die Costüme
der Neuzeit mit ihrer schlecht bemäntelten
Geschmacklosigkeit störender wirken, als in
einem abgeschlossenen Raume." — Nnd in
anknüpfendem Gegensatze zu obiger Ansicht
schreibt mehrere Jahre später in derselben
„Kölnischen Zeitung" (l8<;4. im August) der
Kunstreferent dieses Blattes über S le in le :
„Wenn Ernst Förster den Künstler Haupt-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Stehlik-Stietka, Volume 38
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Stehlik-Stietka
- Volume
- 38
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1879
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 398
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon