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sinden. Im Umfange des Collegium Cle»
mentinum wurde die noch heute beste»
hende Sternwarte erbaut. Sie wurde
im Jahre 4751 vollendet und im Anbe«
ginn mit den unentbehrlichsten Instr»
menten versehen: für diese aber hatte
der Orden kein Geld, und S tep l ing
wendete zum Ankaufe derselben den
größten Theil seiner mütterlichen Erb«
schaft an. Auch wurde ihm die Aufsicht
der Sternwarte übertragen und er be«
hielt dieselbe bis zur Auflösung seines
Ordens. Um diese Zeit fand eine Ver«
änderung im Universitätswesen und zu»
nächst darin Statt, daß man an die
Spitze jeder Facultät einen Mann zu
stellen beschloß, welcher mit der nöthigen
Kenntniß des Faches auch die gehörige
Energie verband, die Leitung der Facul-
tät in entsprechender Weise zu führen.
So wurde mit Decret vom 2. December
1732 S t e p l i n g ziun Director der
philosophischen Facultät (R^ins äirso-
tor ^aouitatiL pk.i1oL0pkioÄo) ernannt.
Da war Step l ing an seinem Platze.
Mit den veralteten Disciplinen sofort
aufräumend und an deren Stelle neue,
dem Stande der Wissenschaft entspre»
chende setzend, übte er sein Amt mit Um-
sicht und Gifer, und bald zeigten sich
die wohlthätigen Folgen des umsichtigen
und kenntnißreichen Reformators. Zu
gleicher Zeit drang er auch auf einen
verbesserten Unterricht in der Naturlehre,
gründete zu diesem Zwecke ein physikali«
scheS Cabinet und bestimmte durch eine
begründete Bitte die Kaiserin, daß sie
für dasselbe wiederholte Geldbeitrage
anwies. So wirkte S. in verdienstlichster
Weife bis zu der im Jahre 1773 er»
folgten Aufhebung der Gesellschaft Jesu.
Die nächste Folge davon war eine Um-
gestaltung der philosophischen und theo-
logifchen Facultät. Das Collegium Cle- mentinum wurde theils den erzhischöf»
lichen Alumnen, theils der Universität
eingeräumt und an letzterer alle theolo»
Zischen Lehrstellen mit Beginn des Schul»
jahres 1773/74 mit Weltgeistlichen oder
Priestern auS anderen Orden beseht, nur
Step l ing blieb als Director der Ma-
thematik und Physik bis an seinen Tod.
der im Alter von 62 Jahren erfolgte.
Sein Ableben erweckte allgemeine Theil,
nähme, denn man hatte an ihm einen
wahren Priester der Wissenschaft ver-
loren. Als seine Beisetzung in die Sanct
Clemenskirche erfolgte, hielt Stanislaus
Wydra, der damalige Lehrer der Ma-
thematik im Clementwum, auf den Ver»
storbenen die Leichenrede in lateinischer
Sprache, worin er die Verdienste des
Verewigten in beredter Weise schilderte,
und welche später auch durch den Druck
veröffentlicht wurde. Die Kaiserin aber
ordnete an, daß S t e p l i n g's Ver>
dienste auch öffentlich geehrt wurden,
durch Aufstellung eineS Denkmals in der
Clementiniscken Bibliothek. Bezeichnend
ist die Bemerkung eines seiner Biogra»
phen, daß Stepl ing's Name im Aus.
lande berühmter war, denn daheim. Wer
von Prag nach Berlin, Leipzig oder Pa>
ris kam, wurde von den Gelehrten be.
fragt, wie sich Stepl ing befinde. Die»
ses Ignoriren der vecdienten Männer im
eigenen Vaterlande wuchert wie Un>
kraut aus den ersten Tagen der Cultur
bis in die Gegenwart herüber, und soll
sich durch den Ruhm ausgleichen, der
den Verblichenen nach seinem Ableben
wie ein Glorienschein umgibt. Nun frei»
lich wären ihm ein paar Strahlen von
diesem Glorienschein bei Lebzeiten gewiß
auch willkommen gewesen. Mit den groß«
ten Mathematikern des Kontinents sei«
ner Zeit. mit BoScow ich , D e l a
C a i l l e , Leonhard Eu le r , H e l l ,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Stehlik-Stietka, Volume 38
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Stehlik-Stietka
- Volume
- 38
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1879
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 398
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon