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Stephan 238 S)6chenyi) Stephan
des Grafen in einen Wendepunkt. An
die Stelle des ausgezeichneten Kriegs»
mannes trat der Patriot, der National»
ökonom, der Mann der That. I n einer
Circularfitzung wucde die schon oft
erhobene Klage wiederholt, daß die un<
garische Sprache, allen in dieser Rich»
tung gegebenen Versicherungen zum
Trotz, sich in Wirklichkeit keines Fort«
schritteS erfreue. Nach verschiedenen
Bemerkungen, Vorschlägen und Ginwen.
düngen kam man schließlich in der An«
sicht überein, daß es zweckmäßig sei, eine
gelehrte Gesellschaft zu gründen, welche
die Ausbildung der ungarischen Sprache
als ihre Hauptaufgabe zu betrachten
habe. Aber wie sollte der Plan zur That
werden? Auf diese Frage gab Niemand
eine Antwort. Da trat Paul NagY auf
die Rednerbühne und erklärte, daß nur
durch großmüthige Spenden der Mag-
naten die so sehr gewünschte und bereits
so nothwendig gewordene Akademie ins
Leben gerufen werden könne. Aber Geld,
vor allem Geld sei vonnöthen. I n
diesem Augenblick erschien S tephan
Gzöchenyi, damals noch Huszaren«
Rittmeister, im Saale und als er hörte,
um waS eS sich handle, rief er von
seinem Platze, eine Pause deS Redners
benutzend, laut und vernehmlich: ^Ich
bin keiner der Großen des Landes, aber
ich bin Gutsbesitzer und entsteht ein In-
stitut, das die ungarische Sprache ent-
wickelt, daS die ungarische Erziehung
unserer Landsleute befördert, so opfere
ich gern die Einkünfte meiner Güter von
einem Jahre und bringe sie diesem
Zwecke dar". Kaum hatte Szachenyi
geendet, so brach ein grenzenloser Jubel
aus. Die Einkünfte deS Grafen betrugen
nach seinem eigenen Bekenntnisse damals
jahrlich 60.000 fi. C. M., und nun er
den Anfang gemacht, wollte Niemand zurückbleiben, und die Gründung der
ungarischen Akademie war gesichert. DaS
Beispiel eines Patrioten genügte, eine
Angelegenheit, welche sich Jahre hin»
durch resultatlos hingeschleppt hatte, in
einer Viertelstunde zu würdigem Abschluß
zu bringen. Auf die Frage eines feiner
Freunde: „Wovon wirstDu ein Jahr lang
leben?" entgegnete Szöchenyi heiter:
„Meine Freunde werden mich erhalten".
Daß die schöne That, mit welcher er
seine neue Laufbahn betrat, ihm nicht
blos die Sympathien jener Kreise, denen
er durch Geburt und Stellung ange»
horte, sondern die der ganzen Bevöl»
kerung des ganzen Landes gewann, ist
bei dem Nationalbewußtsein des Ungar»
volkes selbstverständlich. Aber er verlor
darüber nicht sein sittliches Gleichgewicht
und ließ sich von den Weihrauchwolken,
die ihm von allen Seiten - entgegen«
qualmten, nicht betäuben; erging unent«
wegbar dem Ziele, daS er ins Auge
gefaßt hatte, zu und das war nichts Ge>
ringeres als die Sicherstellung und edlere
Entwicklung feines Landes und Volkes.
Und gleich bei seinem ersten Auftreten
während seines Aufenthaltes in Preß«
bürg begann er mit jenen Einrichtungen,
auf deren Bestand er sein ganzes Leben
hindurch den Erfolg seiner Pläne stützte
und welche sich in dem Ausdrucke:
geistige Central isat ion auf ge«
sellsch aftl ichem Felde zusammen«
fassen lassen. Die Gründung von Clubs.
CasinoS, Vereinen, Actiengesellschaften,
Pferderennen, von wissenschaftlichen, in«
dustriellen und landwirthschaftlichen In«
stituten nahm ihn so ganz in Anspruch,
daß er die ComitatSsstzungen vernach«
laffigte. Aber energisch und selbstbewußt
ging er an die Verwirklichung seiner
Pläne, denn indem er die Dornenbahn
des öffentlichen Lebens mit dem ernsten
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Volume 41
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Susil-Szeder
- Volume
- 41
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1880
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 340
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon