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i) Stephan 236 ) Stephan
Beschlusse betrat, daß, wenn Niemand
sonst, er selbst den Grund zum künftigen
Glänze Ungarns legen werde, griff er
weder sachte noch schonend in den 3au
der Dinge ein, sondern geißelte vielmehr
mit dem bittersten Höhne die Schwächen
Sünden und Vorurtheile seines Zeitalters
Und er that dies mit scharfer, schneidiger
Sprache, in stürmischer Weise, veraltete
Thatsachen und Doctrinen rücksichtslos
zerstörend. Ein Publicift bemerkte in
dieser Hinsicht treffend über ihn: ,S z ö
ch e n y i war Ungarns Pa l l ad io , Pal>
lad io zerstörte, weil er bauen wollte
Seine politischen Gegner, darunter spater
seine Feinde, haben, um den Ruhm des
großen Reformators zu schmälern, es
verneint, daß er zur Zeit seines Auf«
tretens die Nation aus dem Schlafe, in
den sie seit Jahrzehnten eingelullt war,
geweckt und auf die Bahn deS Fort«
schritteS geführt habe; er habe vielmehr
die bereits erwachende Nation vorgefun
den und sei von ihr, der schon fort schrei,
tenden, nur mitergriffen worden. Zu
solchen Sublilitäten verstieg sich der poli
tische Neid. um an dem Kranze des
großen Reformators Blatt um Blatt zu
zerpflücken. Zum Glücke liegen die Land-
tagsberichte und die Organe der Oeffent»
lichkeit, die spärlichen inhaltlosen Iour»
nale aller dem Auftreten Sz 6 chenyi's
vorangegangenen Jahre und viele hun-
dert und hundert Beweise der völligen
Stagnation im politischen Leben Ungarns
vor, um kemen Zweifel darüber auf-
kommen zu lassen, daß Szöchenyi ein
neues Leben durch seine Handlungen
und Schriften hervorgerufen hat. Bald
nach Begründung der Akademie der Wis«
senschaften kam es zu neuen Anregungen,
wurde zu neuen Initiativen gegriffen,
und eine ganze Reihe von ökonomischen,
industriellen und commerziellen Unter- nehmungen gerieth in Fluß, und der Be<
gründer, der Förderer, die eigentliche
Seele aller Schöpfungen war Szä»
ch e n y i. Immer neue Pläne schuf
sein Geist und alle zielten dahin, der
Hauptstadt des Landes eine neue Aera
deS Reichthumes und Glanzes zu er-
öffnen. Wie er dann überall, wo eS die
Verwirklichung seiner Ideen galt, in
Person sich sehen ließ, alles überschauend,
alles leitend, hier eine Bemerkung
machend, dort seine Ansicht darlegend
und, wenn sie nicht gleich begriffen
wurde, sie immer klarer und präciser aus«
einandersetzeno, dies schildert ein Zeit«
genösse mit folgenden Worten: „Auf.
fallend war die Erscheinung des edlen
Grafen, weil sie sich weder im ungari»
schen Costume — er erschien überhaupt
bei keiner Gelegenheit in der reichen
Magnatentracht, sondern, wenn er sich
in ungarischem Gewände zeigte, nur in
einem mit Schnüren versehenen, übrigens
ganz einfachen schwarzen Attila, wie er
auch abgebildet ist — noch „Wienerisch"
bot, vielmehr in ganz eigenem, impom«
rendem, patentfeinem Habitus, von dem
Kenner fagten: „das ist echt englisch",
eine Erklärung, welche damals allge»
meinen Respect einflößte und für hoch»
aristokratischen Timbre galt. Der Graf
hatte nämlich meist einen sehr feinen
Quäkerhut auf, den kurzen Cylinder mit
etwas breiter Krempe, trug einen ge>
machlich weiten, schlafrockartigen Frack
und darüber einen blos über den Bauch
reichenden, engen und kurzen lichten
Paletot mit großen Hornknöpfen, daß
also die Frackschöße sehr abnorm sichtbar
waren, und bei schönstem Wetter einen
dicken Rohrstock, der einen dünnen
Regenschirm enthielt, und welchen Rohr«
stock er selten in der Hand. meist unter dem
Arme hatte. Oft zeigte er sich in diesem
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Volume 41
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Susil-Szeder
- Volume
- 41
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1880
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 340
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon