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Stephan 267 Aöchenyi, Stephan
des Grafen, Paul Balogh, in der
, Pesther Zeitung" das Werden und
Steigen der Gemuthskrankheit etwa mit
den Worten: ,Szöchenyi, der mit
dem Oelzweige des Friedens die Da«
monen Ungarns bannen wollte, sah die
Stunde ihres Sieges herannahen. Sein
Vertrauen auf den Gott der Magyaren
ging langsam sterben. Auch hielt er sich
für die Quelle deS Unheils, das über
das Land seiner Anbetung, über Ungarn
gekommen, weil er die Nation anS ihrem
hundertjährigen Traume aufrüttelte.
Am 4. September erklärte ich dem
Grafen, die erste unerläßliche Bedingung
seiner Genesung sei Entfernung von dem
.Schauplatze seineS Kummers. Er wollte
nichts davon hören, da befahl ich. wie
eS die Pflicht des rechtschaffenen ArzteS
gebot. Am 8. fuhr der Wagen vor, und
der Graf stieg ein, ohne die Fahrroute
anzugeben. Doch kaum hatten wir Ofen
im Rücken, als er aus dem Wagen
sprang und keinen Fuß weiter ziehen,
sondern auf seinem Ministerposten als
ehrlicher parlamentarischer Soldat mit
Ungarn sterben wolle. Mit unendlicher
Mühe brachte man ihn wieder in den
Wagen. Der finstere Geist der Melan-
cholie wuchs mit jeder neuen zurück-
gelegten Meile. I n dem Spiegel seiner
kranken Phantasie sah er den Krieg mit
blutiger Mühe durch sein Vaterland
rennen, dessen Rosen und Aehren mit
eisernem Fuße zertretend; sah er Un«
garnö achtes und erstes Wunderwerk, die
Kettenbrücke in die Wellen versinken, sah
er sich selbst als anderen MariuS auf den
Trümmern von Karthago-Pesth sitzen.
Zuweilen verfolgte ihn, jedoch machtlos,
der Dämon deS Selbstmordes, dieses
letzten Asyles schlechter Spieler nach
Napoleons Aeußerung. Und so oft
der Zorn deS Wahnes. w ieEsqu i ro l die Wuth nennt, den unglücklichen
Grafen erfaßte, rannen bittere Thränen
der Verzweiflung über die Furchen seines
entstellten Antlitzes." So war der Graf
endlich in die Privat.Irrenanstalt deS
Or. Görgen gebracht worden. Ueber
die nächstfolgenden sechs Jahre seines
Lebens liegt ein dichter Schleier auS»
gebreitet, durch welchen selbst der tiefe
Blick der Aerzte nicht zu dringen ver-
mochte. Durch mehr als sechs Jahre
war Szöchenyi völlig von der Welt
abgeschlossen, und selbst mit seinen
nächsten Angehörigen kam er nur selten
in Berührung. Dann schien daS Dunkel,
das seinen Geist umlagerte, sich allmälig
zu zertheilen, er wurde seiner Familie
und den intimen Freunden derselben zu»
gänglich; er war aber furchtbar gealtert.
Aus dem dichten beinahe weißen Barte
traten die Wangen bleich und tiefdurch»
furcht hervor, nur den unter den duscht»
gen Brauen hervorleuchtenden Augen
entstrahlte in einzelnen Momenten ein
Feuer, welches an jene Zeit erinnerte,
wo Graf S z ö c h e n y i , seiner Ge«
wohnheit gemäß auf- und abgehend,
vor seinen lauschenden Zuhörern oft plötz»
lich stehen blieb, um irgend einen seiner
Gedankenblitze unter sie zu schleudern.
Seit dem Eintritte in die Irrenanstalt
war er nicht mehr über die Schwelle
seiner Wohmmg daselbst gekommen;
jeden Morgen, nachdem er sich die Fenster
hatte öffnen lassen, machte er durch seine
Zimmerreihe einen Spaziergang und
um die Zahl seiner Märsche, die durch
gezählte Schritte eine halbe Meile auS«
machen sollten, nicht zu verfehlen, warf
er jedesmal einen Kreuzer in die Urne,
welche am Endpunkte seiner Promenade
aufssestellt war. Er kleidete sich einfach,
aber elegant. An kleinen Spielereien
fand er unendliches Vergnügen. Obwohl
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Susil-Szeder, Volume 41
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Susil-Szeder
- Volume
- 41
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1880
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 340
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon