Page - 204 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Terlago-Thürmer, Volume 44
Image of the Page - 204 -
Text of the Page - 204 -
Thenen 204 Theokllld, Theodor Ioh. Karl
lichen Denkens und Schaffens betretend,
welcke ihr bis dahin die Macht der väter-
lichen Erziehung verschlossen gehalten,
begann sie nun auch die Ergebnisse ihrer
Beobachtungen niederzuschreiben. Ihre
erste Arbeit, die wahrheitsgetreue Schil-
derung des aller Vernunft und Mensch-
lichkeit hohnsprechenden Gebarens eines
Wunderrabbis, der in der Nähe ihres
damaligen Wohnortes Tysmeniec in Ga-
lizien sein Unwesen trieb, übergab sie im
Jahre 1870 dem Redacteur der „Neu-
zeit", einer von Dr. Simon S z a n t <',
Md. XI.1, S. 161) begründeten Wochen-
schrift für politische, religiöse und Cultur-
interefsen, vornehmlich der Israeliten, zur
Veröffentlichung. Jedoch wurde ihre
Arbeit mit dem Bedeuten abgelehnt, daß
die Verfasserin mit allzu rücksichtsloser
Kühnheit den Schleier von Zuständen
ziehe, die man lieber nicht enthüllen sollte.
(Möchten die israelitischen Blätter diese
Rücksicht doch auch gegen andere Konfes-
sionen üben. Wie aber verhielten sie
sich
in der Affaire Ursula Ubryk?) Durch die
Abweisung, welche ihre Schrift erfuhr,
keineswegs entmuthigt, blieb sie vielmehr
fest entschlossen, den Zustand der geistigen
Versumpfung, in welchem keine geringe
Anzahl ihrer Glaubensgenossen vegetirt,
nicht todt zu schweigen. I n Galizien
durfte sie es jedoch nicht wagen, den
mächtigen Rabbi anzugreifen, erst als in
Wien, wohin sie übersiedelt war, einige
ihrer Arbeiten in Tages- und Wochen-
blättern Aufnahme gefunden hatten, über»
gab sie ihre Arbeit unter dem Titel: „Ner
wuMr-Ullbln" (Wien 1880, Rosner) dem
Drucke. Das Buch machte, obgleich sich
gegen seine stylistijche Form gerechte Be-
denken erheben lassen, in den zunächst be-
theiligten Kreisen ungeheueres Aufsehen,
aber auch die übrige Lesewelt verbarg
nicht ihr Erstaunen, daß dergleichen Dinge überhaupt möglich und sich ungestraft vor
aller Augen abspielen, denn das erkannte
man allsogleich, daß man es nicht mit
einer romantischen Geschichte, mit einer
Arbeit, die als ästhetisches Kunstwerk
gelten wollte, sondern mit der splitter-
nackten, wenn auch haarsträubenden
Wahrheit, die alle Effecthascherei ängstlich
vermied, weil ja schon die Wirklichkeit
über. allen Effect hinausging, zu thun
hatte. Vergeblich griffen die israelitischen
Orthodoxen und Finsterlinge die Ver-
fasserin mit allen Waffen aus der Rüst-
kammer des Fanatismus an' bei der
nicht zunächst betheiligten Lesewelt fand
diese rein objective Schilderung der ans
Unglaubliche grenzenden Zustände theil-
nahmsvolle Aufnahme. Nach dieser Ge-
schichte gab die Verfasserin eine zweite
Schrift: „Fräulein Nllrtnr im Irrenhause"
(Wien 4884, Rosner, 8".) heraus.
Die Heimat lIllustrirteö Blatt. Wien. 5")
1880, S. 43l.
Theobllld, Theodor Johann Karl
Freiherr (k. k. Haupt mann, geb. zu
Stuttgart am 12. Mai 18l1, gefallen
in Wien am 28. October 1848). Ein
Sohn des königlich württembergiscben
Generalmajors Joseph Apollinar
Honorat von Theobald (geb. zu
Rastatt 3. April 4772, gest. zu Stutt-
gart 19..März 4837) aus dessen am
13. August 1804 geschlossenen Ehe mit
Je an nette geborenen Freiin von Hü-
gel (geb. 24. November 1781, gest.
1. August 1834), diente er ursprünglich
in der königlich württembergischen Kaval-
lerie, trat aber 1833 aus derselben in die
kaiserlich österreichische Armee, und zwar
zunächst in das 6. Huszaren-Regiment,
aus welchem er dann als Hauptmann in
das Infanterie« Regiment Karl Ritter
von Schönhals Nr. 29 kam. Unter den.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Volume 44
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Terlago-Thürmer
- Volume
- 44
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1882
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 360
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon