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Thonet 239 Thone
bisher unbekannte Kunst der Holzbiegung
in ihrer ganzen Bedeutung: denn auf den
großen Platten der beiden Tische waren
die meisterhaften Dessins durch gebogenes
Holz ausgeführt, das durch .Beizung die
Farbe und das Aussehen verschiedener
feiner Holzarten, wie Nuß-, Mahagoni-,
Palisander- und anderes Holz, erhalten
hatte. Ebenso mannigfaltig zeigten sich
die Fußbodenparquetten, deren Arabesken
durch die verschiedenen Krümmungen und
künstliche Beizung der Holzschienen her-
gestellt wurden. I n hohem Grade zogen
diese Gegenstände die Aufmerksamkeit
aller Fachmänner auf sich, und die Be-
stellungen flössen von allen Seiten zu.
Noch beschäftigte Thonet damals in
seiner Wiener Fabrik sMollardgaffe 173)
erst siebzig Arbeiter. Aber bald gewann
seine Arbeit europäischen Ruf und wurde
nach allen Welttheilen erportirt, so daß
er zur. Zeit der Pariser internationalen
Ausstellung 1862 bereits über 800 Ar-
beiter in seinen zwei Fabriken zu Koritschau
und Bistritz in Mähren beschäftigte, welche
im Jahre circa 70.000 Stühle anfertig-
ten, von denen 23.000 in Oesterreich
blieben, während die übrigen durch
Lagermagazine in Hamburg, Paris und
London ins Ausland gingen. Bis 1860
bewerkstelligte Thonet die Biegungen
durch mehrere Theile (Schienen), diese
wurden sodann einzeln gebogen und die
Büge zusammengeleimt. Letztere hielten
aber in manchen, insbesondere feuchten
Gegenden nicht Stand, sie lösten sich,
und die Haltbarkeit der Möbel schien
dadurch in Frage gestellt. Da gelang es
dem Erfinder, jede beliebige Biegung
nicht mehr, wie früher in dem in Schienen
geschnittenen, sondern in ganzemHolze
hervorzubringen, wodurch nun diese
Möbel für jedes Klima geeignet waren,
da keine Leimfuge mehr durch Feuchtig» keit aufgelöst werden kann. Auch stellte
Thonet 1862 nach einer ganz neuen
Construction Wagenräder her, welche
von den gewöhnlichen auf den ersten
Blick sich unterscheiden. Bei seinen Rädern
fällt die Holznabe ganz weg; die Speicben
laufen auf der Mitte zusammen, stehen
auf den Achsen auf und liegen an einer
Metallbüchse an, welche an der Außen-
seite einen Deckel zum Wegnehmen hat,
der mit Mutterschrauben befestigt wird.
Durch diese Construction ist die Möglich«
keit gegeben, jede Speiche einzeln heraus-
zunehmen, ohne das Rad selbst ganz
! auseinandernehmen zu müssen. Den
^ beiden genannten Fabriken gesellte sich
^ nun bald eine dritte zu Ugrocz in Un-
> gärn hinzu, und im Jahre 1867 beschäf-
tigte Thonet bereits 1300 Menschen
! und gegen 130 Pferde zur Holzzufuhr
und Waarenerpedition; außerdem arbei-
teten drei Dampfmaschinen von zusammen
über 100 Pferdekraft Tag und Nacht
und wurden täglich 800 Stück verschie-
dene Sitzmöbel verfertigt. So nahm das
Geschäft stetig zu. Als er, 74 Jahre alt,
^ starb, besaß dasselbe neben den Fabriken
z zahlreiche Filialen, gab schon über
! 4000 Arbeitern Brod, erzeugte taglich
>1300, also im Jahre über 430.000
! Möbelstücke. I n einem Nachrufe, der
! diesem bedeutenden Industriellen, dessen
! stetiges Fortschreiten wir nach den Han-
! delskammerberichten absichtlich ausführ-
! lich darstellen, gewidmet ist, heißt es wört-
! lich: „Die Tho net'sche Sitzmöbelfabrik
^ ist unstreitig die größte in der Welt und
! von einein Manne gegründet, der bis zu
^ seinem Ende dabei selbstthätig wie jeder
! seiner Arbeiter mitwirkte". Zur Zeit der
! Wiener Weltausstellung 1873 besaß das
^ Geschäft außer den genannten drei Fa-
! briken bereits eine vierte zu Wsetin in
j Mähren, F l ech te re ien zu Stri-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Volume 44
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Terlago-Thürmer
- Volume
- 44
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1882
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 360
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon