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Weiß, Iosephine 427 Meiß, Iosephine
nicht ganz unbedenkliche Episode sollte
sie aber mit ihrer Truppe in Turin er>
leben, als sie im November 1830 daselbst
ihre Vorstellungen zu geben beabsich»
tigte. Es war gerade die Zeit der höchsten
Erbitterung, welche die von Radetzky
zweimal zu Paaren getriebenen Italiener
in ihrer Hauptstadt gegen Oesterreich
zum Ausdruck bringen wollten. Das
harmlose Kinderbälle: der Frau Weiß
ward als Opfer ausersehen. Die Gefahr,
die ihr drohte, nicht unterschätzend, ließ
dieselbe gleich am Tage ihrer Ankunft
eine Erklärung veröffentlichen des In-
Halts, daß ihre Gesellschaft nicht mehr
aus Wienerinen, sondern aus Gnglän«
derinen und Französinen bestehe, und sie
nur die Firma der ersteren, die ihren Ruf
begründete, beibehalten habe. Dies ver-
mochte aber doch nicht die Wuth der
Italianissimi zu dämpfen, die an Oester»
reichern ihr Opfer haben wollten, wenn
es auch keine Oesterreicher waren. Der
Theaterzettel wurde Herabgeriffen, da»
gegen durch ein Placat das Publicum
aufgefordert, das Theater nicht zu be<
suchen. Abends vor Beginn der Vorstel-
lung standen ganze Haufen des Pöbels
vor dem Theater und einsingen die In»
saffen eines jeden anfahrenden Wagens
mit Gezisch, Pfeifen und Gejohle. In-
dessen füllte sich das Theater, und Alles
sah gespannt dem Kommenden entgegen.
Die Oper wurde ohne Zwischenfall ab»
gespielt. Nun kam das Ballet. Tiefste
Stille herrschte im Hause, jetzt erscheinen
die in höchster Eleganz gekleideten kleinen
Tänzerinen. Ein leises Gemurmel erhebt
sich, auch Gezische wurde laut. Da
setzen sich die Figürchen auf der Bühne in
Bewegung und beginnen in zierlichsten
Wendungen und Gruppirungen den viel
berühmten „Rosenwalzer". Alles folgt
mit freudigstem Antheil der Vorstellung und spendet nach dem Tanze rauschenden
Beifall, der gar nicht mehr enden wollte.
Die Balletmeisterin Weiß hatte gesiegt,
obgleich sie Stunden, ja Tage der Angst
durchlebte, da, wenn ihr Plan, Engage-
ment zu finden, scheiterte, sie fast den
Ruin ihres Unternehmens gewärtigen
mußte. Aber es kam anders, noch wah-
rend der Vorstellung schloß der Direktor
mit Frau Weiß ein Engagement für ein
halbes Jahr gegen ein ansehnliches Ho»
norar ab. Nachdem sie sieben Jahre von
Wien fern geblieben, kehrte sie mit ihrer
kleinen Truppe dahin zurück; aber noch
war der Kelch ihres Leidens nicht voll-
kommen geleert. Gleich nach ihrer An-
kunft in der Kaiserstadt wurden ihr die
zu Coftumen für ihr Balletcorps in Mai-
land gekauften Seidenstoffe auf dem
Südbahnhose gestohlen, und dann konnte
sie für ihre 64 Tänzerinen kein passendes
Mafsenquartier in Wien finden; so sah
sie
sich
denn genöthigt, sich mit ihrer
ganzen Truppe in Meidling einzuquar-
tieren; später bezog sie ein Quartier in
der Leopoldstadt in der Nähe des Pra°
ters. Endlich waren alle kleinen Leiden
überstanden, und am 6. März 1831
tanzte das Weiß'sche Balletcorps zum
ersten Male im Kärnthnerthor>Theater.
Die „Allemande", die lieblichen „steiri-
schen Tänze" von L anne r, die „Bauern»
Polka" und zum Schluß „Der Rosen«
walzer" fanden stürmischen Beifall von
Seite des kaiserlichen Hofes und des
Publicums. Dieser Vorstellung folgten
noch mehrere, dann gastirte Frau Weiß
mit ihrem Balletcorps fünfunddreißig-
male im Theater an der Wien, von dort
kehrte sie zur Bühne in der Iosephstadt
zurück, der Statte ihrer ersten Triumphe,
von welcher sie in die Welt hinaus-
gegangen war. Ein neuer Tanz zu einem
Ausstattungsstücke nahm ihre durch die
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Weil-Weninger, Volume 54
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Weil-Weninger
- Volume
- 54
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1886
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon