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Weißenberger, Joseph 174 Weißenberger, Joseph
e!n noch junger Mann. als Oberlieutenant I
in: Bürger-Regiment. Es war am l2. Oc<
tober, als sich Nachmittags gegen A Ubr die
Bezirk^chefv der Nationalgarde Wiens in
einem Zimmer neben der Permanenz des
Reichstages versammelten, um über die Wahl
dcs von demselben zu ihrem provisorischen
Obercommandanten vorgeschlagenen Messen»
Lauser zn berathen. Da ergriff Weißen-
berger der Erste das Wort und sprach.-
„Nachdem Niemand uon Ibnen Messen-
bau ser nähel, kennt, so halte ich es für
meine Pflicht, Ih''en zu sagen, daß ich selben
schon zehn Jahre kenne. Ich kenne il>n
noch al5 Offk'ier des Infanterie-Regiments
Deutschmeister, als einen sehr eraltirten und
überspannten Kopf, als Novellenschrciber und
endlich als Mitglied des demokratischen
Clubs, ich mache die Herren darauf auf'
merksam und bitte sie, bei der Wahl sehr be«
dutsam zu sein". Es wurde nun beschlossen,
M essenhaus er, der bereits im Bureau des
ersten Stockwerkes als Odercommandant fuw
girte. bolen zu lassen, um sein politisches
Glaubensbekenntniß zu hören. Derselbe er« !
schien und sprach auf das ihm mitgetheilte^
Verlangen: „Ich erkenne außer dem Reichs-
tage keine höhere Gewalt, Niemanden, von
dem ich Befehle annehmen werde. Alles, was
der Reichstag für gut kalt, werde ich als
solches erkennen und danach handeln." Da
ergriff Weißenberger wieder das Wort
und sagte: „Nach dem eben Gehörten erscheint
es mir, als hatten wir keinen Kaiser und
kein Ministerium mehr; ich erkenne d!e
Stimme Seiner Majestät als die erste und
heiligste..." Der Verlauf der weiteren Ver»
Wandlungen bot nichts Bemerkenswertes. ,
Neißenbe r g e r fand dann in den nächsten !
Tagen wiederholt Verwendung als Parla» !
mentär, und zwar wurde er am i8. October
von Fenneberg als solcher in des Grafen
Auersperg Hauptquartier zu Inzersdorf
abgeschickt; dann am 24. desselben Monats
von Messen Häuser in des Fürsten Win«
di schar ätz Hauptquartier zu Hetzendorf, bei
welcher Gelegenheit er jedoch nicht unmittel»
bar dem Fürsten, sondern dessen Sohne die
Depeschen übergab. Endlich am 27. October
überbrachte er wieder eine Depesche an
Windischgräl;. Dieses Mal eine des
türkischen Botschafters. Da der Fürst sich
eben zu Tische begab, lud er Weißender«
ger zu Gaste. Das bei dieser Gelegenheit
zwischen Beiden stattgefundcne nicht un- interessante Gespräch theilt Dun der im
unten bezeichneten Werke ausführlich mit.
Im Laufe der Unterhaltung bot sich Weißen-
berger die Gelegenheit dar. dem Fürsten
offen darzulegen, welches Mißtrauen die
Wiener Bevölkerung gegen denselben erfülle.
„Euer Durchlaucht", bemerkte Weißen-
berger, „sind ausgeschrirn als der größte
Aristokrat und Reaktionär." Darauf erwiderce
der Fürst: „Aristokrat bin ich und werde es
bis zu meinem letzten Athemzuge bleiben!
Ich bin stolz darauf, es zu sein. Aber Reac-
tion kenne ich nicht, es gibt keine Reaction,
als jene. welche Ihr Euch selbst schafft."
Nicht,unwillig über den Freimuth des Par-
lamentärs, entließ der Fürst denselben huld-
voll. Am 2«. October trat Weißenberger,
der eine dringende Depesche an Messen»
hauser zu überbringen hatte, in das Hotel
„zur Stadt Frankfurt", wo er den Obercom-
mandanten, der dort sein sollte, nicht fand.
Er traf aber daselbst eine Gesellschaft lär«
inender Magyaren, die, während die Notb
der Bevölkerung von Minute Zu Minute
stieg, tranken und lärmten. Mit Entrüstung
rief er einem der anwesenden Gäste laut zu:
„Dies sind die Lumpe, die uns die Suppe
eingebrockt haben; könnten nur Alle, welche
sich von ihnen bethoren und bestechen ließen,
sie jetzt sehen!" W ei ßcnberg er, der diese
Worte vernehmlich gesprochen, erwartete, von
den Bacchanten zur Rede gestellt Zu werden.
Aber sie thaten, als verständen sie seine
Worte nicht und — tranken und tobten
weiter fort, und er verließ unangefochten
das Hotel. Am 29. October Nachmittag
wurde er vom Gemeinoerathe als Parla»
mentär zu General Matauschek, der im
Inualidengcbäude auf der Landstraße sich
befand, mit einer Depesche entsendet, welche
die Anfrage enthielt, was mit der in der
Frühe an den Fürsten Nindischgrälz ab»
gesendeten Deputation des Gcmeinderathes
vorgefallen sei, da dieselbe, die längst schon
zurückgekehrt sein mußte, sich gar nicht sehen
lasse. Der General las die Depesche und
entgegnete lachend: „Da kann man sehen,
wie es bei Euch in der Stadt zugehen muß,
die Herren wollen gar nicht mehr hinein!"
Uebrigens fand Weißenberger die Depu»
tirten bei einer wohlbesrtzten Tafel; als er
ihnen aber die Nothwendigkeit ihrer An«
Wesenheit im Gemeinderache klar machte,
traten sie mit ihm den Rückweg in die Stadt
an. Noch am nämlichen Tage ordnete M es»
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Weil-Weninger, Volume 54
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Weil-Weninger
- Volume
- 54
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1886
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 346
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon