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Zedlitz, Joseph Christian 233 Zedlitz, Joseph Christian
ande." Und dies schrieb er so lange, bis die
Vicinalwege besser wurden. E, M Oettin»
ger machte es ihm nach, indem er in seinem
,(5barioari" im Vormärz die stehende Rubrik
hatte: ..Und Sedlnitzky ist noch immer
Polizeiminister in Wien", bis die Märztage
1848 den Grafen vom öffentlichen Schauplatze
wegfegten. Schließlich bemerken wir noch,
daß. wie wir aus Varnhagen's „Tage«
büchern" erfahren, Zedlitz' (Sorrespondenzen
in der „Allgemeinen" in Preußen mit großer
Aufmerksamkeit gelesen wurden. — Hand-
schrift. Zedlitz Gesetzgeber der Ludlams-
höhle. Adolf Henze theilt in seinem Buch»
lein „Die Handschriften der deutschen Dickter
und Dichterinen" (Leipzig 183», Schlöcke,
l2°.) das Facsimile der Unterschrift des Dich»
ters mit und charakterisirt sie drastisch genug,
wie folgt: „Abrundung, Pathos — Nachts
um die zwölfte Stunde...". — Hier sei noch
bemerkt, daß Zedlitz auch Mitglied der zu
ihrer Zeit berühmten und vielgenannten
Ludlamshöhle, eines geselligen Vereines in
Wien war. über welchen Castelli in seinen
..Memoiren" Bd. I I , S. 174—232 die ersten
und einzigen authentischen Nachrichten gibt.
Zedlitz führte in demselben d?n Gesellschafts«
namen Columbus Turturella, Ludlams Solon;
den Namen Turturella von seinem ersten
dramatischen Werke „Turturell", und Lud»
lams Solon hieß er, weil er die Gesetze für
die Ludlam verfaßt hat. — Charakteristik
Zedlitz' durch einen Pamphletisten. Diese
bringt der Oesterreichische Parnaß, be»
stiegen von einem heruntergekommenen An«
tiquar (Frey—sing ^Hossmann und Campe
n Hamburgs 8".). Uffo Horn. dem dieses
Pamphlet zugeschrieben wird, charakterisirt
Zedlitz folgendermaßen: „Groß. fett, mili»
tärische Haltung, rabiates Aeußere. zaghaftes
Innere, Salonling(!) und Gourmand. Huszar
in Pension, im geheimen Staatsdienst auf
ReiOl, Phantasie« und geistvoll gewesen, aber
jetzt noch geld» und charakterlos; Renegat im
Angesichte Deutschlands, ein St^rn am
Dichterhimmel Oesterreichs, aber ein unter«
gegangener: kreischt und stammelt, hat ein
Erempel für aufkeimende Talente statuirt;
bedauernswerth." Wir führen dieses Pam»
phlet nur an, um zu zeigen, wie weit sich
im Vormärz hämische Talentlosigkeit verirren
konnte! Und merkwürdig! Diese carrikirten
Striche passen auf den Pamphletisten selbst!j
— Einige Aussprüche der Kritik über Zedlitz.
Julian S c h m i d t , der befangenste allex deutschen Literaturhistoriker, kann idm melv'
dischen Fluß in der Diction nicht absprechen,
nimmt auch keinen Anstand, es anzuerkennen,
daß man das Lustspiel „Liebe findet ihre
Wege" ohne Weiteres Caloeron zuschreiben
könnte, am Ende seiner Beurtheilung aber
faßt er sein Urtheil in folgenden Worten zu'
sammen.- „Zedlitz stehi in seiner ganzen
Empfinoungsweise der spanischen hochroman«
tischen Schule zu nahe, um dem deutschen
Publicum anders als fremdartig zu erschei«
nen." — Wolfgang Menzel in seiner „Ge-
schichte deutscher Dichtung" meint wieder:
«Der Wiener Dichter I . Ch Freiherr von
Zedlitz gehört zu den besten seiner Zeit,
Seine „Todtenkränze" von i827 sind Elegien
in klangvollen Versen, schwermüthige. aber
zugleich hochherzige Betrachtungen über die
gefallenen Größen der Jahrhunderte, über
die längst vom Grabe zugedeckten Dichter»
herzen, die einst so feurig schlugen, wie das
Herz Tasso's. Petrarca's. Man merkt,
daß der Dichter ein wenig von der Schwer»
muth Lord Byron's angesteckt war. dessen
„Childe Harold" er meisterhaft übersetzte. I n
seinen anderen lyrischen Gedichten zeigt Zed«
litz dieselbe düstere Melancholie In den
Schauspielen, die er seit I82l schrieb, ver»
räth er die spanische Schule." — Gervinus
endlich, vor dem die österreichischen Poeten
überhaupt keine Gnade finden — Leute wie
Gervinus sollten doch keine Literatur»
geschichte schreiben — schreibt über Zedlitz:
„Zedlitz adoptirt den Stl)l des spanischen
Dramas hier und da völlig; einige seiner
Stücke opfern sich geradezu den spanischen
Formen und Sitten auf. Nebcrhaupi fand
der spanisch? Geschmack in Wien besondere
Aufnahme"!!! — Wie warmherzig und richtig
empfunden schreibt dagegen der ungenannte
Kritiker der „Illustrirten Zeitung": „Anfang
und Ende von Zedlitz' Dichterlaufbahn. „Die
Todtenkränze" und „Waldfräulein" bethätigen
am schönsten seine Geistes« und Gefühlskrafc.
was inmitten liegt ist Zuthat, grünes Blätter«
werk zum BlütenkrarD, der seine Schläfe
umwindet. Ein unbestimmtes Traumwandeln
der Poesie mit geschlossenen Augen, das sich
an den Kanten der Dächer zu erhalten weiß.
aibt diesem Dichter einen zauberhaften Reiz.
Die Poesie, die so oft grausam mit Schwer»
tern spielt, pflückt und zerpflückt Sternblumen
leise für sich hinsprecbend: Er liebt mich —
vom Herzen — mit Schmerzen — und jauchzt
in seliger Lust auf. daß ihr Freudenschrei
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Wurmser-Zhuber, Volume 59
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Wurmser-Zhuber
- Volume
- 59
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1890
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon