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GESTALTEN WIE EIN
KÖNIG184 177 Reichardt 1810, Bd. 2, S. 115 (Sechsunddrei-
ßigster Brief, 5. April 1809).
178 Vgl. EPA, CD 1804/4450, November 1804.
179 1805 vom kaiserlichen Rat Sanatorin, 1807 von
Franz Grössether und Graf Pálffy (vgl. Gabriel
2001).
180 So bei den Händlern Artaria in Mannheim,
Frauenholz in Nürnberg, den Wiener Händlern
Carmesina, Schallbacher und Artaria.
181 Damalige Leiter : Pater Primitivus (Joseph)
Niemecz (1750–1806) und danach Franz Hill-
mer (gest. 1811), dann kurz Georg v. Gáal.
182 So kritisiert Georg v. Gáal später die Erwer-
bungspolitik des Fürsten um 1806, wonach
seiner Meinung nach viele entbehrliche Pracht-
werke gekauft, die Standardwerke aber vernach-
lässigt wurden (vgl. Georg v. Gáal an Paul III.
Anton, 1. Januar 1836, in : EPA, Beilage zu Prot.
5910).
183 So gab Liechtenstein jährlich lediglich 1.500
Gulden pro Jahr für die Bibliothek aus (vgl.
Stekl 1973, S. 194).
184 Vgl. Brentano 1985, S.
165.
185 Vgl. Schmidt 1856, S.
41f.
186 Christoph Martin Wieland an seinen Sohn
Ludwig, 28. April 1810, in : Wieland 2004,
Nr. 107.
187 Vgl. ehem. EPA, CD 1809/3828, 6. Dezember
1809, zit. in : Meller 1915, Quellenteil : Nr. 225.
188 Christoph Martin Wieland an seinen Sohn
Ludwig, 28. April 1810, in : Wieland 2004,
Nr. 107.
189 Wielands Flugschrift Sinn und Herzmann, oder
Wer herrscht nun in Oesterreich hat sich erhal-
ten : Ludwig Wieland, 29. Dezember 1809, in :
ÖStA, AVA, Polizeihofstelle, 1809/367.
190 Joseph Friedrich von Retzer (1754–1824)
berichtet Christoph Martin Wieland, dass
sein Sohn bei Esterházy nach andertalb Jahren
Arbeit das geliefert habe, wofür ein anderer zwei
Monate benötigt hätte, sich aber dennoch die
Gunst des Fürsten erworben habe (vgl. Joseph
Friedrich von Retzer an Christoph Martin
Wieland, 28. April 1810, in : Wieland 2004,
Nr. 105).
als Kapitän auch privat nutzte. Hier schwärmte 1808 der Berliner Theatermann Jo-
hann Friedrich Reichardt : »Dieser vortrefflichen Bibliothek, reich an schönen Aus-
gaben der Klassiker, verdanke ich manch frohe genussvolle Stunden.«177 Und wirk-
lich, die fürstlichen Bücherbestände waren durch zahlreiche Ankäufe nach 1803
stark gewachsen, denn jährlich standen für ihren Ausbau 7.000 bis 10.000 Gulden
zur Verfügung, sodass 1804 ein neues Inventar angefertigt werden musste178. Auch
hier wurden der Bibliothek ganze Sammlungen durch Kauf von Nikolaus II. ein-
verleibt179 sowie bei international tätigen Händlern Bücher erworben180. Auch hier
konnten die Bibliothekare recht frei über die Finanzen verfügen181, wenngleich
der Fürst wünschte, in erster Linie Prunkbände zu erwerben182. Schnell war damit
die fürstliche Bibliothek nach der Sammlung des Kaisers Franz I. und des Fürs-
ten Liechtenstein zur drittgrößten privaten Büchersammlung der Stadt und des
Reiches geworden. In den Ausgaben für die Büchersammlung übertraf der Fürst
seine Sammlerkonkurrenten jedenfalls183. Denn auch auf diesem Gebiet tat Niko-
laus alles, um als Sammlerfürst zu glänzen. Gelesen wurden die bibliophilen Kost-
barkeiten fast nie, sie dienten eher zur Darstellung der intellektuellen Potenz und
sammelfleißigen Strahlkraft ihres Besitzers. Nikolaus ging es folgerichtig eher um
Prachtwerke und bibliophile Raritäten als um eine vollständige Bibliothek des zeit-
genössischen Wissens.
Zu diesem beabsichtigten Glanz kam 1810 der berühmte Name des neuen Bib-
liothekskustos Ludwig Wieland aus Weimar. Doch der damals Dreiunddreißigjäh-
rige hatte sich bisher kaum Meriten erworben, war nach kurzer Zeit als Erzieher
von Graf Moritz Fries wegen mangelnden Fleißes ausgeschieden184 und danach
in wenig verantwortungsvolle Dienste Nikolaus’ II. gekommen185. Erst als sein be-
rühmter Vater, der Dichter und sog. Verleger der Aufklärung, Christoph Martin
Wieland, beim Fürsten intervenierte und dessen »ohne Zweifel ansehnlichen Bü-
cherschatz«186 gelobt hatte, wurde Wieland junior ab 1810 zum Leiter der Biblio-
thek bestimmt187. Doch der alte Wieland wusste um die wahren Interessen seines
Sohnes und drängte diesen, endlich seine »Empfindlichkeit gegen alles Unrecht«188
und sein politisches Engagement zurückzustellen. Vergebens, denn während Fürst
Nikolaus hoffte, seinen Sammlerruhm durch den Weimarer Bibliothekskustos zu
steigern, kümmerte dieser sich lieber um die Herausgabe seiner Flugschriften, in
denen er unter einem Pseudonym gegen das unfähige und abgehobene Erzhaus an-
schrieb, eine demokratische Ordnung propagierte und gar die Abdankung der Fürs-
ten forderte189. Ob sein fürstlicher Dienstgeber von den politischen Aktivitäten des
Bibliothekskustos wusste, ist unklar. Vielleicht nahm Nikolaus dieses zweifelsohne
für sein Haus nicht ungefährliche politische Engagement sogar genauso in Kauf
wie die fehlende Arbeitsmoral und -effektivität190 Ludwig Wielands. Vielleicht ge-
nügte dem geltungsbedürftigen Fürsten der berühmte Name seines Kustos, der die
Brücke zwischen dem kulturellen Engagement Esterházys und dem hoch geach-
teten Musenhof des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach schlug. Wieland war
für Nikolaus II. ein weiterer nützlicher Multiplikator seiner sendungsbewussten
Interessen. Denn wie der Fürst in Paris und London am Beispiel seines gefeier-
ten Kapellmeisters Joseph Haydn gemerkt hatte, konnte ein prominenter Untertan
auch seinen Dienstgeber aufwerten.
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Untertitel
- Biografie eines manischen Sammlers
- Autor
- Stefan Körner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Abmessungen
- 23.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 404
- Kategorie
- Kunst und Kultur