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GESTALTEN WIE EIN
KÖNIG190 204 Vgl. Nikolaus II. an Henriette Zielinska, o. D.,
in : MOL, FAE, P134, E, Nr.
885.
205 Vgl. Winkler 1988 ; Hárich 1959.
206 Rosenbaum, Karl Joseph : Tagebücher, 12. April
1806, in : ÖNB, Han, Ser. 198, S. 121v.
207 Vgl. Rosenbaum, Karl Joseph : Tagebücher,
18. September 1805, in : ÖNB, Han, Ser. 198,
S. 88r.
208 Friedrich Gentz an Johann Wolfgang Goethe,
21. Februar 1811, in : Klassik Stiftung Weimar
(Hg.) : Regestenausgabe Briefe an Goethe, Nr. 6/42
(http://ora-web.swkk.de/swk-db/goeregest/
index.html).
209 Reichardt 1810, Bd. 1, S. 293 (Achtzehnter
Brief, 8. Januar 1809).
210 Auf dem Gebiet der privaten Musik- und The-
atertruppen begann ab 1800 der österreichische
Adel seine Ausgaben drastisch zu kürzen bzw.
die Hoforchester abzuschaffen. Damit überließ
er dieses Feld in erster Linie der sog. zweiten
Gesellschaft, also den neureichen Kleinadligen,
dem erstarkenden Bürgertum und den Vereinen.
So stellte Fürst Johann I. Liechtenstein seinen
Theaterbetrieb komplett ein und verkleinerte
während der Koalitionskriege die Kapelle dras-
tisch (vgl. Stekl 1973, S.
200f.).
211 Nur die Kapell- und Opernmusik der Fürsten
Thurn und Taxis oder von Fürst Franz Joseph
Maximilian Lobkowitz (1772–1816) sind als
adelige Initiativen dieser Art vergleichbar. Lob-
kowitz verschuldete mit seiner Musikförderung
und seinen Orchestern sein fürstliches Haus
und die Familie, die lange Zeit den Reichstag
in Regensburg zu unterhalten hatte, und baute
ab 1804 die Kapelle unter Theodor von Schacht
(1748–1823) deutlich ab (vgl. Horn 2003).
212 Vgl. Schmidt 1856, S.
124.
neue Opern für die folgende Spielsaison vorzuschlagen. Dabei lautete die fürstliche
Maßgabe, zum Lachen gebracht zu werden204. Nikolaus liebte Gelegenheitsstücke
und Possen, deutsche Singspiele und ins Deutsche übertragene Stücke der Opéra
comique mit Gesangseinlagen205, »weil der Fürst einen Jux wollte … und [sich] je-
des Ernsthaften ganz mißfallen fühle«206. Folglich war politische Agitation ebenso
wenig gefragt wie ein eigener künstlerischer Kopf. Und wenn es dem Fürsten nicht
behagte, unterbrach er die Proben und beleidigte mitunter die Theatertruppen so
sehr, dass die Schauspieler das Spiel abbrachen und Eisenstadt verließen207. Diese
starke Einflussnahme lag zum einen darin begründet, dass Nikolaus aufgrund seiner
langen persönlichen Theatererfahrung sich auf diesem Gebiet durchaus Kompetenz
zutraute. Zum anderen dürfte auch der Konkurrenzdruck mit der Wiener Musik-
und Theaterszene den Fürsten zu Überreaktionen hingerissen haben.
Denn Wien war um 1805 der musikalische Nabel der Welt. So berichtete Fried-
rich von Gentz, einflussreicher Berater Clemens Metternichs, an Goethe, dass das
Wiener Gesellschafts-, Theater- und Musikleben von außerordentlicher Qualität
und Vielgestaltigkeit sei, »wie es in Wien noch nie war, und außer Paris, auch wohl
nirgends in der Welt sein mag«208. Selbst der musik- und theaterverwöhnte Berli-
ner Theatermann Reichardt schwärmte dieser Tage über Wien : »So viel Musik, als
hier täglich höre und treibe, hört’ und trieb ich noch nie !«209 Als traditionelle Do-
mäne der Hofhaltung des erbländischen Adels, dem aber immer mehr das Geld für
diese personalintensivste Repräsentationsform ausging, konnte Nikolaus mit Musik
und Theater beeindrucken210. Der beschriebene Ausbau der Esterházy-Hofkapelle
und die Installation eines ständigen Theaterbetriebs nach 1803 war im Vergleich
mit seinen Standesgenossen einzigartig, selbst gegenüber großen Musikförderern
wie den Fürsten Thurn und Taxis oder Lobkowitz211. Allein die Theater souverä-
ner deutscher Kleinstaaten, allen voran Sachsen-Weimar-Eisenach, wo Goethe
Theaterdirektor war, können mit dem Bühnenbetrieb im Umfang Fürst Nikolaus’
verglichen werden. Und so scheint das Lob des Weimarers Heinrich Schmidt an-
gemessen, das den Anstrengungen Nikolaus’ um seine Ruhm- und Glanzmehrung
durchschlagenden Erfolg bescheinigte, denn »das Auditorium war wol durchaus
das glänzendste, das man sich wünschen konnte ; denn fast der ganze hohe Adel
und das diplomatische Corps Wiens waren gewöhnlich anwesend«212. Damit hatte
der Musenhof seine gesellschaftliche Pflicht getan, denn um nichts anderes, als die
Entscheidungs- und Würdenträger an seinen Hof zu ziehen, ging es Nikolaus II.
bei den fürstlichen Aufführungen und Festen. Hier wurden politische Vereinba-
rungen getroffen, Geschäfte gemacht, Netzwerke begründet und Familienbande
geschlossen, kurzum Macht gewahrt, gefestigt und ausgebaut. Es durfte alles, nur
keine Langeweile für die anspruchsvolle und verwöhnte Gesellschaft aufkommen,
wollte man als Gastgeber glänzen.
Die erste wirklich große Bewährungsprobe des neuen Hofes war für Fürst Nikolaus
die Ausrichtung des Hochzeitsfestes seiner einzigen Tochter Leopoldine 1806 mit
Prinz Moritz Liechtenstein (1775–1819) in der damals entstehenden Eisenstädter
Kulturlandschaft. Hier sollten erstmals alle künstlerischen Initiativen des Fürsten
in Garten- und Landschaftsgestaltung, Architektur, Musik und Theater und bilden-
der Kunst publikumswirksam inszeniert und dargestellt werden.
Und Nikolaus begann abermals ungeheure Anstrengungen. Noch vor der Verlo-
bung im November 1805 ließ er Prinzessin Leopoldine vom französischen Maler Prinzessin Leopoldine Esterházy, Gemälde von René-
Théodore Berthon (1776–1859), 1805, Rahmen von
Bildhauer Högler, nach einem Entwurf von Charles
Moreau (1760–1840), 1806. Esterházy Privatstiftung,
Schloss Eisenstadt.
Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
Biografie eines manischen Sammlers
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Nikolaus II. Esterházy und die Kunst
- Untertitel
- Biografie eines manischen Sammlers
- Autor
- Stefan Körner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 2.0
- ISBN
- 978-3-205-78922-2
- Abmessungen
- 23.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 404
- Kategorie
- Kunst und Kultur