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Tagebuch 1937/3
9. [Juli]
Das war eine angenehme Atmosphäre, da hat es uns auch nicht weiter gestört, daß d.
Steamer vor unserem Fenster hin u. wieder tuteten. Wir schliefen gleich weiter. Mit-
ten in d. Nacht hat es auch so mächtig an unsere Türe gepämpert, daß ich es schon f.
d. weckenden Steward hielt ; es wird aber nur ein Geist der vielen hier gewohnt ha-
benden Kapitäne gewesen sein, die das Fremdenbuch aufweist. Um ½ 7 war es dann
der richtige Wecker, notabene mit einem Teetablett, das uns sehr gelegen kam, da wir
wegen d. frühen Aufbruchsstunde das Frühstück überschlagen wollten. Die Sonne
war da u. der Himmel lachte. Wir lachten auch u. in der Stadt hinter uns lachte sicher
auch das vergülte Reiterbild von 1734, das gestern abends nur trüb gedöst hatte.3
Kurz vor 8 fuhr dann unsere Ferry los, wir – ganz ohne Gepäck – mit. Es ist d.
Humber hier so breit, daß man die Ufer in der Mitte d. Fahrt nur wie ferne Streifen
erkennt u. das Wasser braungelb aufschlägt wie Seewasser. Am südl[ichen] Ufer war-
tete hundert Schritte weit ein Bähnchen. Es ist aber noch immer nicht d. richtige
Ufer, sondern nur ein hinausgebauter Damm. Die Leute herum gähnen
– early risers
are proud and sleepy. Sie sind d. Frühaufstehen hier so gar nicht gewöhnt.
(Nach dem Lunch, wieder zurück in Hull in unserm freundlichen „Victoria“, im
Schreibzimmer „Waterloo“. Bei strömendem Regen zurück – u. die Stimmung nicht
genau so, aber doch sehr verwandt. Im Harbrour haben wir im Station Hôtel richtig
gefrühstückt, nachdem es uns gelungen war, die kompetenten Leute dazu wachzu-
kriegen. Es war ein richtiges englisches Wappoltenreit ; aber an d. Wänden waren
ganz amüsante Dinge wie eine Unterglasmalerei (eine Mühlenlandschaft) ein großer
Stich d. Kathedrale in Lincoln u. ein noch größerer Steindruck ; bunt, soweit es das
Sujet erlaubte, ein afrikanisches Missionsschulzimmer darstellend (etwa von 1860).
Als ich den Wirt fragte, von wo er das Blatt herhabe, meinte er ausweichend, daß er
es schon lange besitze und fuhr fort : „But they (das ist d. Earl of Yarborough, wir hat-
ten kurz vorher nach d. Weg dahin gefragt) sell sometimes.“ Ein vielversprechender
Anfang.
–4
Wir gingen das halbe Stündchen zum Schloß zufuß (Brockley Hall), eine ange-
nehme Aussicht auf Wiesen u. Bäume, die Straße schon wie durch einen Park ge-
führt, mit Kühen auf der Weide, von denen Hans richtig beobachtete, daß sie heller
würden, je mehr wir uns d. Schloß näherten (es hatte mit richtig schwarzen Kühen
begonnen). Das letzte Stück durch d. richtigen Park, der alle Stückeln spielte. (Auf
den Teichen schwammen Wasserrosen
– die in Mustern angeordnet waren !) Wir be-
traten das Schloß von der Hauptseite, waren nach ein paar Schritten in der Entrance
Hall u. noch vor dem Earl – dem Giorgione gegenüber. Vielleicht 5 m hoch an d.
Wand, in einem Rahmen, der das Bild unverrückbar macht, ein helles, klar u, dünn
dreinschauendes Bild, in ledergraufarbenen u. rötlichen Tönen mit hellem graugrü-
nem Grund. Von unten unverkennbar eine Kopie. Und von oben (wir kraxelten dann
auf einer Leiter näher) auch nicht viel anders. Man stellt doch absolut fest, daß d.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien