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Tagebuch 1938/1
1. Büchel
20. Jänner–15. Mai
1938
„Basel“
Am 20. Jänner bin ich allein abgereist. Hans hat noch einen dringenden Zahnarzt-
besuch, einen Vortrag „Tizian“ im Volksbildungshaus u. d. Übergabe der Blaudru-
cke an Phaidon vorgehabt (das sind wenigstens die Posten, die ich weiß. Ja richtig :
auch L[iesbeth] A[skonas]’ Dissertation mußte noch auf gleich gebracht werden). Er
brachte mich mit kleinerem Gepäck per Tram zum Bahnhof, setzte mich in einen
von mir selbst gewählten u. darum minder guten Waggon u. zog ab. Er war von ei-
nem ungeheuren internationalen Zug d. einzige österreichische Wagen. Darum voll
u. schlecht zu sitzen. Mit mir u. in d. angrenzenden Abteil fuhren lauter Beamte d.
Handels- u. Gewerbekammer, die in Salzburg einen Akt hatten, der wohl auf Wo-
chenende verlegt war, um ein richtiges Skiwochenende daran anschließen zu können.
Solange sie ihre Papiere präparierten, waren sie angenehme Mitreisende, als sie nach-
her Skitouren gegeneinander ausspielten, wurden sie störend. Und das bei d. Lektüre
meines vom Fixlein geborgten Buchs (Jane Austen, Pride und Prejudices). In Salz-
burg wars quatschig, sodaß ich meine Gummischuh auspackte, aber doch nicht so
nieselig, daß ich den neu geschenkten Schirm in Tätigkeit hatte bringen müssen.
Bei Pitter bezog ich ein ruhiges Zimmer in einen Garten u. schlief bei dem Mäd-
chenchor (Deutschland über alles, danach Horst Wessel) gegen zehn Uhr ein. Um
½ 7 ließ ich mich wecken u. war um 8 in d. Studienbibl[iothek], was zwei Nachteile
hatte. Erstens wars so finster, daß man Licht brennen mußte, zweitens war ich bis
Mittag durch alle Zeichnungen durch. Nach der schnellen Jagd im vergangenen Jahr
hat diese langsamere Nachschau noch ein Dutzend Blätter gefördert. Zum großen
Teil wiederum Palmas ! Einige Nüsse habe ich für Hans zum Mitknacken separat
notiert. Zumittag aß ich als wärs die Walfischgasse, nur daß ich für d. gleiche Summe
hier edlen Schinken bekam. Nachmittagsschläfchen. Dann noch einmal in d. Biblio-
thek. Der Hof, den man durch gehen muß, ist eine ebene abschmelzende Eiskruste,
das Riesenhaus ist staatlich u. d. Portier ist gegen d. Regime u. darum wird der Hof
nicht gereinigt. Auch über andre Kalamitäten klagte Direktor Frisch. Natürlich war
ich im Kino, was hätte ich tun sollen, als es finster wurde – mein Hotelzimmer ist
nicht warm genug zum Dauersitzen. „Die graue Dame“, aber ganz angenehm span-
nend. Am Schluß war ich ebenso erstaunt wie d. Komplizen auf d. Leinwand, als sich
d. Hauptverdächtige als Sherl[ock] Holmes entpuppte. In d. Wochenschau sah ich d.
Einkleidung des neuen Bürgermeisters von London, was mir viel Spaß machte. Wer-
den wir nach London kommen ? Und Skifahrer mit Segelmäntel ; das sieht sehr nett
aus. Die meisten binden sich weiße Capes, einige auch schwarze um, sie spannen sie
mit d. Armen aus u. gleiten wie Möven oder Fledermäuse über d. Schneehügel her-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien