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Tagebuch 1938/1
9. Febr[uar] Früh.
Unser erster Arbeitstag in London verlief ungestört im Brit[ish] M[useum], wo wir
die Blätter heraussuchten, zu denen wir uns bisher noch keinen Reim gemacht haben
u. die des Nachgehens wert sind. Von d. Z[eichnung]en, die Mrs Rayner-Wood dem
Popham mitgegeben hat, ist eine richtige […]studie, ein großer H[ei]l[i]ger (r[echts]
im Anconabild). Das ist immerhin eine bedeutende Sache, da man so d. Meister
vom anderen Ende angehen kann : nach d. Entwurf (Bassano) d. Frühzeit eine späte
Studie mit Dürerscher Akribie. Ein kurzer Besuch bei Gernsheimer brachte nichts
neues, galt vielmehr d. Möglichkeiten einer Ausstell[ung] Georgs in diesem Milieu.
Abends bei Elisabeth Bergner, die ziemlich nah von uns in einem Haus mit Blick
auf Hampstead Heath ganz hoch wohnt (Sie hat so, wie’s steht, Priestley abgemie-
tet). Die Büste ist ganz gut, aber wenig brillant u. darum kaum geeignet, den einen
Zweck, den sie haben sollte, zu erfüllen. Den anderen Zweck d. Auftraggebern zu
gefallen, erfüllt sie ausgezeichnet. Außer uns war Myra u. Georg geladen u. ein Mann
namens Mayer, (der d. Drehbuch für sie schreibt), schließlich d. Gatte, Dr Czinner,
u. E[lisabeth] B[ergner]. Wir haben noch nie einen so gemütlichen Abend in einem
Hause verlebt, in dem wir d. erstemal zu gaste waren. Dr Czinner ist so bescheiden
liebenswürdig mit Georg, das ist reizend zuzusehen. Alles war gelungen, der gastro-
nomische Teil erinnerte an alles nur nicht an England.
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9. Febr[uar] abends.
Wir haben vormittag im Brit[ish] M[useum] gearbeitet (auch d. Duvets durchge-
schaut, da heute früh d. Photo kam) ; dann mit Gombrich u. einem jungen ameri-
kan[ischen] Stipendiaten, der über Giulio Romano arbeitet (Hartt) geluncht, dann
in d. Nat[ional] Gal[lery], wo wir (schwer enttäuscht) d. „Giorgione“panels ansahen,
dann bei Read (mit dem wir eine Notiz über Walter Gay-Leg[at] abmachten), zu
Burgs, denen wir d. Liller Bild – vergeblich – anboten, ins Royal Café, wo wir mit
Christine zusammenkamen, die schöner denn je geworden ist u. einen neuen Job in d.
Lon don[er] Elektrizitätsgesellsch[aft] hat. Wir haben Christine u. Georg erfolgreich
zusammengebracht und sind dann pünktlich beim Diner gewesen, wo unsre Gastge-
berin gerade aus Vence (bei Nizza) heimgekommen war, mit Dr. Schwarz (Psycho-
analytiker aus Wien) hier anscheinend ansäßig u. eine alte englische Freundin, die
bei uns im Haus als Gast wohnen dürfte (wir haben das nicht sehr gut verstanden)
dinierte, um mit d. letzten Bissen in die 8. Bruckner abzugehen. So eine alte Englän-
derin (ich meine d. Gastin) in einem meergrünen Abendkleid, das Arme, Busen u.
Rücken fast völlig freiläßt ist ein wirklich schwer verdaulicher Eindruck
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10. [Februar] abends
(nach a busy day gerade heimgekehrt). Um 10 bei Christie, einen Elsheimer an-
schaun (ein Paradiso), der wirkl[ich] gut scheint. Daselbst auch ein kleiner Lotto,
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien