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Tagebuch 1938/1
Hieron[ymus], von dem es bei Witt kein analoges Stück gibt. Burgs dort getroffen
u. einen Händler namens Bier, der den Piero di Cosimo nach Worcester verkauft hat
u. noch ein Pendant dazu besitzt. Dann zu Mr. Farrer auf St. James Square. Uralter
Butler, der mir d. Weg verstellte, bis wir unseren Namen nannten. Großer Empfangs-
raum, offenes Feuer, zwei tiefe Clubsessel, darin jeder mit einer Zeitung die beiden
uralten Brüder. Ganz weiß, klapprig, einer schwer hörend, d. andere schwer spre-
chend, aber beide Old England. Sie waren ganz konsterniert, als wir eintraten, da sie
offenbar nur Hans allein erwartet hatten. Wir fanden dann einen Stock höher Tinto-
rettos nie publizierten Ölberg, ein gutes frühes Bild, zu dem d. Z[eichnungen] im Bri-
tish M[useum] tatsächlich dazugehören. (Ferner noch drei Lebensalter, die BiBi dem
Lanciani gab, einen ausgezeichneten Licinio (junger Mann mit Totenkopf), eine sehr
gute Montagna zugeschriebene (von BiBi) Maria mit Kind (Brustbild, d. Kind nach
unten abgeschnitten) mit einem sehr schönen Spiel d. Hände zwischen Mutter u
Kind ; eine namenlose Adoration mit Stiftern, groß, Breitformat, mit Tizianschem
Smaragdhimmel (aber doch nur Tizianschule, früh), einen Hieronym[us], der Tizi-
ansche Größe in einem kleinen Format einfängt. Sodann zu Witts wo man Liebe u.
Griesschmarn war u. uns sogar für morgen zum Lunch bat. Frau Burg holte uns ab
u. geleitete uns in Dr Lukas’ (ihres angeheirateten Neffen) Wartezimmer, wo wir ei-
nen „fabelhaften, wirkl[ich] der Mühe werten“ Tintoretto begutachten sollten. Er war
aber nur d. Kopie d. Münchner Anbet[ung] d. 3 Könige von Veronese notabene in
einer gekürzten Ausgabe, wie sie genauso in 2 anderen S[amm]l[un]gen noch existiert
(wie wir nach Tisch bei Witt konstatieren konnten). Wir speisten zusam[men] (ohne
Gatten) u. sie klagte uns ihre Sorgen wegen Herminchens Erziehung. Sodann wieder
zu Witts, wo wir viel erledigen u. manches einleiten konnten (getroffen : Dr Heil,
Dr Scharf. Auf d. Straße Delbanco, den ich erkannte.) Schließlich im Plane Tree
Rendez-vous mit Mrs. Hartley u. Tochter, die Blumen überreichten, die ich
– soeben
–
to the doctor – weitergab. Hans hat noch d. Absicht […] zu einer Künstlerzusam-
menkunft (Architekt[en], Georg) in Kensington zu gehen. Ich aber bleib zuhaus.25
12. [Februar]
Gestern war’s mir vielleicht ein zu busy day (immer, wenn er bei Oppé endet !). Und
–
kann ich gleich dazusagen – noch dazu bei Mr. Rudolf anfängt. Das ist wirklich der
Mann, der einen nervös macht, besonders wenn man dabei photogr[aphieren] muß.
Wir setzten diese Tätigkeit dann im Brit[ish] Mus[eum] fort, gingen zum Lunch zu
Lady Witt ; es war sehr reizend, aber unsre üble Korrespondenz (die dieser Lunch
offenbar vergessen machen sollte) war mir noch zu lebendig im Bewußtsein. Wir
arbeiteten noch einiges u. rasten dann in d. Burl[ington] Fine Art Club, wo wir die
nette Diversenausstell[ung] sahen (mit d. 2 Lord Halifaxbildern) mit mehreren guten
Z[eichnung]en (z[um] T[eil] auch von Rudolf), darunter die Bellini gegebene (das
Kind bei Colonel Colville, Vas[ari] Soc[iety], das wir noch nicht im Orig[inal] gese-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien