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Tagebuch 1938/1
15. [Februar]
Nach d. Lunch bei Baronin Gutmann, die sehr reizend auf Englands größtem Platz
in einem alten Hause wohnt, fuhren wir wieder ins Kunsthändlerviertel u. zuerst zu
Frank. Der zeigte uns einen ausgezeichneten Ricci, ein größeres quadrat[isches] sehr
dekorat[ives] Bild Christus von d. Engeln u. d. Versuchung gepflegt (250 Pf.). Ferner
einen […], ein namenloses span[isches] Stilleben u. ein noch namenloseres Bild als
wärs von Carpaccio erfunden, ein Wein- u. Chemistrygeschäft mit einem Alchimis-
ten drinnen, als wärs Hieron[ymus] in seiner Zelle. Dann zu Bier. Dort wars großar-
tig : eine Krönung Mariae von […], einen noch nie gesehenen sehr frühen Poussin,
Landsch[aft] mit Flußgott mitte vorn, der einem (eigentlich 2) Hund, der ein Amou-
rettel hält, zu trinken gibt. Rechts hinten noch 2 Amouretten im Wasser. Schließlich
d. Piero di Cosimo, das nicht ganz fertig gemalte Pendant – aber in d. Wirkung wie
ein fertiges – zu dem nach Worcester verkauften. Mir kam d. Idee, ob die als Breu-
ghel publiz[iert] gewesenen Silberstiftz[eichnung]en in d. Uffizien nicht zu diesem
Bild sein könnten, bez[iehungsweise] von diesem Piero di Cosimo. Bei Burgs haben
wir Drey getroffen, der uns jetzt seinen (Nemes – Susanna) Tintoretto offiziell zeigt
u. ein paar andre wertlosere Dinge. Schilling war da u. brachte uns ein (schlechtes)
Photo nach einer Z[eichnung] bei Schwarz (ehemals Frankfurt, s[iehe] Fr[öhlich]-
B[um] –Giorgione Hier[onymus]landsch[aft]) mit, die ganz gut von Veronese sein
könnte (Dogen ? Kopf). Er ist noch immer reizend u. sieht viel frischer aus als im
Sommer. Den Abend verbrachten wir allein u. gemütlich mit the Doctor. Heute ists
noch immer winterlich u. windig, Hans fährt nach Dorset, Kingston Lacy, den Gior-
gione bei Mrs. Bankes anschauen. Ich übernehme den Londoner Tag. Wenn nur die
Z[eitungs]nachrichten über d. Entrevue Hitler
– Schuschnigg besser wären ! Das liegt
uns wie ein Alb auf d. Brust
…28
(Zur Teezeit, gerade heil nachhaus gekommen, furchtbares Schneetreiben). Wir
waren zuerst bei Dr. Scharf der 2 gute Z[eichnung]en hatte ; eine anonyme als wär sie
ein Spätwerk des Lattanzio da Rimini – eine Palme. Dann trennten wir uns u. ich
fuhr in d. Witts Library, wo aber im Diningroom Großgründlich gemacht wurde,
sodaß man mich a) 4 x vergeblich läuten ließ, b) d. mir viel wichtigeren Italiener von
P bis Z unzugänglich waren. Immerhin habe ich einiges durchgeschaut u. bin auf
neue Probleme gestoßen. Daß Read die falsche Seite d. Bordonezeichn[ung] repro-
duziert hat, steht nun mehr fest. Zu ärgerlich. Schilling holte mich ab u. führte mich
in ein nahgelegenes ABC zum Lunch. Er will gern mit Georg zusammenkommen
u. ihm helfen (Ausstell[ung]). Er möchte auch die Verbind[un]g zu d. Winterschen
Lippmann D[ürer]z[eichnungen] haben, ich versprach ihm, den Kunsthändl[er], der
d. Verkauf übernommen hatte, mit ihm in Verbind[un]g zu setzen. Der Arm d. Eva
(ehemals Erzherz[og] Fried[rich]) ist ihm jetzt aus Amerika zu 1000 Pf angeboten
worden. Jene von uns veröffentl[ichte] Tizianz[eichnung] (Silberman) hätte er auch
gern für Hirsch. (Das kann man ja machen).29
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien