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Tagebuch 1938/1
Meine Empfehl[ung] an Prof. Zucchi (Commendatore !) war schon gut, da er sonst
Samstag u. Montag überhaupt nicht amtiert. Es sind nicht sehr viel aber ganz gute
Z[eichnung]en da, eigentlich bis auf einige Farinatis, eine neue Art, sodaß ich bißchen
erstaunt bin, wie wenig ich weiß trotz der 3 großen Samml[un]gen, die wir schon
durchgearbeitet haben. Die Stadt ist so beruhigend – nach Paris. Auf Piedestals ge-
stellte Schuppos im auffälligen Weißschwarz machen die reglementierten Gesten,
gelegentlich mit ihnen einen Wagen heranlockend. Ich gehe gelüpfelte Übergänge,
um niemandem das Spiel zu verderben. Die Via Roma ist schon sehr bald fertig ge-
baut, auch einen richtigen Wolkenkratzer gibt es, man weiß gar nicht warum, liegt
doch d. Stadt in einer Ebene ! Die Leute sprechen ihren unverständlichen Dialekt.
Morgen ist auch ein Tag
– weiß Gott, ein langer, ich habe nur d. Schloß (Palma) auf d.
Programm. Für Ausflüge habe ich zu frühlingsschwere Füße.52
6. März.
Heut früh fiel es mir plötzlich ein
– nicht eine verrückte Uhr, sondern hier in Ital[ien]
ist doch mitteleuropäische Zeit. Für einen Spezialisten dieser verwirrenden Tatsa-
chen ist d. Blamage immerhin groß ! Sonst war d. Vormittag erfolgreich. Ich kam
gegen ½ 10 zum Schloß, wo d. Führung laut Mitteil[ung] um 10, laut Guiden erst
am Nachm[ittag] sein sollte. Ich fragte eine Wache, die sich räkelte, von einem Fuß
auf d. anderen überging u. ein Liedlein pfiff. Da war ich aber an d. unrechten gekom-
men. Ganz verzweifelt stieß er ein „Non posso“ aus und stürzte, um d. Versuchung
mehr zu sagen, auszuweichen auf das vis à vis Wächterhäuschen. Ich fragte dann
einen Bersalglieri der mich an einen Betreßten weiter gab, von dem ich dann erfuhr,
daß d. Visitazione zwischen 9 u. 12 stattfindet. Man bekommt ein Billet auf Namen
(warum das sicherer sein soll, kann ich nicht sagen) u. geht in d. 1. Stock, wo man im
Schweizersaal auf d. nächste Führung wartete. Ich ließ dann 2 vorübergehen, denn
dort war das Bild von Palma u. stimmte. Ich hatte alles Schlachtige u. Reiterliche an
Palmaz[eichnung]en mitgenommen u. siehe da jene eine in d. Liechtensteingal[erie],
auf deren Rückseite ich den Hinweis auf d. Bild in Turin geschrieben hatte, war das
Richtige. Den einen kleinen Reiter in Kreide aus Oxford konnte ich auch noch in d.
Mitte etwas tiefer, aber doch noch unter d. Vordergrundproportionen identifizieren.
Nicht ganz genau, aber doch zugehörig. Die Entwurfz[eichnung] fürs ganze ist ziem-
lich nah d. Ausführung. Diese ist kolorist[isch] u. auch als ehrgeizige Kompos[ition]
wundervoll. So reinlich erhalten, ein wirkliches Vergnügen. Wenn alle Palmas so aus-
sehen würden
…53
Die Führung, die dann durch d. Prunksäle mitmachte war nicht anders als jede
andre Führung. Einer hat geleiert, die anderen haben nachher ein Trinkgeld gegeben.
Dazwischen war viel Gold u. noch viel mehr provinzielle Geschmacklosigkeit
…
Ich ging dann in d. Via Gaudenzio Ferrari 1, wo nach meinem Guide der Museo
Civico sein sollte, aber nicht war. Ich habe eine Reihe von mehr oder minder geeig-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien