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Tagebuch 1938/1
Fr[öh lich-]B[um]s Schiavone ist. Prof. Zucchi ist sehr nett ; er hat ganz plötzlich bei
mir Stunde genommen, wie man das ch ausspricht. Das geht einfach nicht. Er hört es
auch nicht, wenn ich es sage, anders, als wenn er es spricht. Ich schrieb ihm schließ-
lich ein X auf u. fragte ihn, wie er diesen griech[ischen] Buchstaben spreche. Er sagte :
Ka. So kamen wir auch nicht weiter
…56
8. [März] abends
im Bett. Das war heut ein verkorkster Tag. Genua bin ich nicht gewachsen. Die Fahrt
war herrlich. Nach dem 8 km Tunnel haben plötzlich die Obstbäume geblüht. Ein
Wunder ! Dann aber war der Palazzo Rosso überhaupt gesperrt u. d. Pal[azzo] Bianco
schon auf Sommerordnung eingestellt – seit dem 1. März, recht haben sie – u. mit
Mittagspause von 12 bis 2. Dann ritt mich d. Teufel. Warum haben sie lauter Cam-
biasozeichnungen ausgestellt ? ! Man hat nicht nur nur – Cambiaso ! Man hat zwar
immer viele, er ist so ein zweiter Farinati, aber man hat nicht nur nur – Cambiaso.
Und es gibt doch so ein illustriertes Z[eichnung]en Büchl vom Pal[azzo] Bianco. Ich
fragte mich durch und fand mich um 3 drüben im Ufficio d. Pal[azzo] Rosso. Dort
mußte ich warten, dann wurde ich einem mitteljungen Mann (Celle) vorgeführt, dem
ich mich erklärte. Der Kompetente mit d. Schlüsseln war heute
– ein einziges mal im
Jahr !
– verreist. Der zweite Kompetente
– Bonsi
– sollte gegen 5 kommen. Ich wollte
also auch um diese Zeit wiederkommen. Ich ging ins Hotel zurück, wo das heiße
Wasser nicht mehr abgedreht werden konnte. Das gute heiße Wasser lief einfach aus,
ich war voll Mitgefühl, der Operario wurde bestellt, ich hatte keinen Augenblick Ruh
in meinem Zimmer, das hier bekanntlich „Zu ebener Erd u. im ersten Stock“ gleich-
zeitig ist. Ich ging wieder weg in St. Annunziata hinein, wo es schon lang nicht so
eiskalt war, als wie in Turin. Um 5 war ich wieder im Ufficio. Dort wartete ich bis
um 6. Endlich waren alle da, der Direttore (Grosso), der urlaubte, der unterläufige
Bonsi, der liebenswürdig u. aufhaltsam war, aber was schaute heraus
– was sollte auch
anders um ½ 7 abends herausschauen ? ! – daß ich heute nichts mehr sehen konnte,
sondern morgen um 2h wiederkomme. Nun, ich bin verblieben, daß ich uns von Flo-
renz aus oder Mailand im Mai ansagen würde, ein paar Tage voraus, und daß wir
dann d. Z[eich nung]en durchschauen könnten. Man war sehr liebenswürdig u. sehr
bedauernd, daß es mich so viel Zeit gekostet hat, aber sie haben so viel bürokrat[ische]
Angelegenheiten, es ist überall dasselbe, sie kommen nicht zu den „Studi.“ Ich nacht-
mahlte in d. kleinen Ristorante Turchia, z[um] T[eil] aus Liebe zum Anderl, z[um]
T[eil] weil d. Prezzo fisso mir zusagte. Das war aber auch alles, was mir zusagte. Nein,
ich bin Genua nicht gewachsen und sehne mich schon nach meinem Manager.57
10 [März] (gegen Abend).
Gestern war mein Reisetag. Das ist doch eine schöne Fahrt, überraschend war für
mich das Stück von Livorno südwärts d. Küste entlang : Villa neben Villa – ein Gar-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien