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Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Seite - 212 -
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212 Tagebuch 1938/1 12. [März] nachmittags. Heute bin ich ganz niedergeworfen. Ahnungslos stieß ich heut morgens auf eine Zei- tung. An 2. Stelle brachte sie die Nachrichten über Österreich. Also ist jetzt das Ende da.  – Ich hab noch gestern einen Brief an Hans Schoenberg geschrieben u. ihm ge- dankt u. ihn zur Post getragen. Ach einen so ahnungslosen Brief. Und heute d. Ka- tastrophe u. ihre mir ganz unklare Vorgeschichte, ich hatte ja nichts von der Wahl sogar gewußt gehabt. Ich las alles drüben im Borghesegarten. Ging dann doch ins Museum und war erstaunlich konzentriert bei d. Arbeit. Es ist sehr vieles umge- hängt u. sehr vieles auch gereinigt (z. B. das sog[enannte] Dürerportr[ät], das seither noch mehr Schäufeleinartig aussieht. Jedenfalls mit den gewissen 2 Schäufeleinbil- dern absolut steht u. fällt). Wie vornehm ist doch diese Galerie jetzt geführt ! Dieses Frauenbildnis, das doch von ernster Seite immer wieder Giorg[ione] gegeben wurde, hängt hier als Scuola Veneta schlechtweg, während d. 4 Täfelchen in London, an die niemand glaubt, bekanntl[ich] auch nicht der Direktor  – in d. N[ational] Gal[lery] glatt Giorg[ione] heißen. Ich war um 12 zuhaus, immer wieder überlegend, daß d. Grenzen doch erst nach d. Rede Schuschniggs gesperrt worden sein dürften u. d. Hans da schon jenseits war. Zuhause war dann eine Karte da, die die sichere Abreise für Freitag früh ankündigt  – und  – nach einer weiteren Stunde Hangens u. Bangens  – d. Telegr[amm] aus Venedig !  …61 Wieder hat sich nichts anderes ereignet, als jeder vorausgesehen hat, aber das Tempo war auch nicht vorauszusehen gewesen und die Form, in der es sich vollzog, war auch nicht vorauszusehen gewesen. Ich blieb nach Tisch zuhause, hab mich mit d. Photos beschäftigt, aber jetzt fängt es an, im Zimmer zu kalt zu werden. 13. [März] gegen Abend. Erst das Wichtigste : der H[ans] ist da ! Und jetzt berichte ich. Gestern als ich ins Thermenmus[eum] ging, immer alte Plätze aufsuchend und alte Erinnerungen ver- träumt beschauend, fing es ein wenig zu regnen an u. es war d. Film da „Mutter Erde“ mit Muni u. der wunderbar spielenden (Rainer) „Mutter“ und gab mir zwei Stunden vergessen. Danach fiel mir ein, daß Heinz mir einmal erzählt hat, daß er in Rom 1933 war u. nach langer Pause wiedereinmal d. Z[ei]t[un]g in d. Hand nahm u. so vom An- bruch d. 3. Reichs überrascht wurde. Es schmiß ihn natürlich um, alles fiel zusammen. Aber was sollte er tun ? !  – er ging ins Kino, sah einen „blödsinnigen“ amerikanischen Film u. hatte alles vergessen  …62 Dann zum Bahnhof, wo Hans pünktlich eintraf. Wir habens im Zimmer jetzt ein wenig eng u. die Decken in meinem Bett riechen nach Naphtalin, aber ich bin doch sehr froh. Er hat mir noch lange in d. Nacht hinein erzählt u. früh wieder angefan- gen. Dann sind wir zur Post, wo Anderls Brief noch immer nicht angekommen war ! Und er hatte ihn doch schon am 7. abgeschickt. Und dann sind wir ins Vatik[anische]
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Erica Tietze-Conrat Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
Titel
Erica Tietze-Conrat
Untertitel
Tagebücher
Band
II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Herausgeber
Alexandra Caruso
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79545-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
346
Kategorie
Biographien
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