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Tagebuch 1938/1
12. [März] nachmittags.
Heute bin ich ganz niedergeworfen. Ahnungslos stieß ich heut morgens auf eine Zei-
tung. An 2. Stelle brachte sie die Nachrichten über Österreich. Also ist jetzt das Ende
da.
–
Ich hab noch gestern einen Brief an Hans Schoenberg geschrieben u. ihm ge-
dankt u. ihn zur Post getragen. Ach einen so ahnungslosen Brief. Und heute d. Ka-
tastrophe u. ihre mir ganz unklare Vorgeschichte, ich hatte ja nichts von der Wahl
sogar gewußt gehabt. Ich las alles drüben im Borghesegarten. Ging dann doch ins
Museum und war erstaunlich konzentriert bei d. Arbeit. Es ist sehr vieles umge-
hängt u. sehr vieles auch gereinigt (z. B. das sog[enannte] Dürerportr[ät], das seither
noch mehr Schäufeleinartig aussieht. Jedenfalls mit den gewissen 2 Schäufeleinbil-
dern absolut steht u. fällt). Wie vornehm ist doch diese Galerie jetzt geführt ! Dieses
Frauenbildnis, das doch von ernster Seite immer wieder Giorg[ione] gegeben wurde,
hängt hier als Scuola Veneta schlechtweg, während d. 4 Täfelchen in London, an die
niemand glaubt, bekanntl[ich] auch nicht der Direktor – in d. N[ational] Gal[lery]
glatt Giorg[ione] heißen. Ich war um 12 zuhaus, immer wieder überlegend, daß d.
Grenzen doch erst nach d. Rede Schuschniggs gesperrt worden sein dürften u. d.
Hans da schon jenseits war. Zuhause war dann eine Karte da, die die sichere Abreise
für Freitag früh ankündigt
– und
– nach einer weiteren Stunde Hangens u. Bangens
–
d. Telegr[amm] aus Venedig !
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Wieder hat sich nichts anderes ereignet, als jeder vorausgesehen hat, aber das
Tempo war auch nicht vorauszusehen gewesen und die Form, in der es sich vollzog,
war auch nicht vorauszusehen gewesen. Ich blieb nach Tisch zuhause, hab mich mit d.
Photos beschäftigt, aber jetzt fängt es an, im Zimmer zu kalt zu werden.
13. [März] gegen Abend.
Erst das Wichtigste : der H[ans] ist da ! Und jetzt berichte ich. Gestern als ich ins
Thermenmus[eum] ging, immer alte Plätze aufsuchend und alte Erinnerungen ver-
träumt beschauend, fing es ein wenig zu regnen an u. es war d. Film da „Mutter Erde“
mit Muni u. der wunderbar spielenden (Rainer) „Mutter“ und gab mir zwei Stunden
vergessen. Danach fiel mir ein, daß Heinz mir einmal erzählt hat, daß er in Rom 1933
war u. nach langer Pause wiedereinmal d. Z[ei]t[un]g in d. Hand nahm u. so vom An-
bruch d. 3. Reichs überrascht wurde. Es schmiß ihn natürlich um, alles fiel zusammen.
Aber was sollte er tun ? !
– er ging ins Kino, sah einen „blödsinnigen“ amerikanischen
Film u. hatte alles vergessen
…62
Dann zum Bahnhof, wo Hans pünktlich eintraf. Wir habens im Zimmer jetzt ein
wenig eng u. die Decken in meinem Bett riechen nach Naphtalin, aber ich bin doch
sehr froh. Er hat mir noch lange in d. Nacht hinein erzählt u. früh wieder angefan-
gen. Dann sind wir zur Post, wo Anderls Brief noch immer nicht angekommen war !
Und er hatte ihn doch schon am 7. abgeschickt. Und dann sind wir ins Vatik[anische]
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien