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Tagebuch 1938/1
Briefe, ich hab erst d. Photogr[aphien] durchgesehen u. d. Neue Zürcher Z[ei]t[un]g
gelesen. An was man sich nicht alles klammert ! Mein Gott
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16. März.
Gestern haben wir vormittag in d. Corsini ein Dutzend Photos gemacht u. sind
dann in d. Kapitol[inische] Pinakothek, d. wieder sehr interessant war. Leider sind
die Bilder lange nicht so gut gehalten, wie in d. Borghesegal[erie]. Im Gärtchen vor
d. Museo Mussolini haben wir uns auf einem Stein sitzend in d. Sonne ausgeruht.
Am Nachmittag waren wir im österr[eichischen] Institut, das als kaum zugänglicher
Neubau mit aufgerissenen Straßen ringsum u. innen noch nicht ganz fertig vis à vis
von Papa Giulia steht. Sehr hoch, römisch-rot, ein Kubus mit zwei Bronzefiguren d.
Hauptportal aus Glas flankierend. Nicht erstklassige Architekturleistung, aber im-
merhin gute Schule, eindrucksvoll. Dengel hat viele Jahre sich Mühe gegeben, dieses
neue Haus zustandezubringen. Jetzt ist es fast fertig
– was wird damit geschehen ? !
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Wir sind schon im Dunkel über d. Pincio nachhaus. Um 9h bei Dr Kurt Cassirer,
der in d. Via Margutta eine phantastische Atelierwohnung hat. Ein ganz altes Haus,
im Hof tut sich ein Ausblick auf eine Art Athosgebirge auf, auf dem in verschiedener
Höhe Lichterchen funkelten. Über Stiege, Zimmerkranz, Gartenwege (auf hohem
Terrain) kam man an d. Türen d. einzelnen Wohnungen vorbei, die in verschiedenen
Höhenlagen d. Hof umschlossen. Ein netter Mann mit einer kränklich aussehenden
zarten Frau. Er ist Kunsthändler, hat aber nur drei Steinfragmente von Qualität zei-
gen können (eine 3teilige Tafel mit Evangelistensymbolen (ohne Engel)), ein Kan-
zelzwickelfragment, ein Markusöchslein, einen Schlangenmann als Konsolenträger.
Alles kampanisch, 13. Die grau geword[ene] Steglich kam auch, ein lieber Mensch,
der sich schwer durchschlägt. Derzeit scheint sie Führerindienste d. Baronin Op-
penheimer zu leisten. Die alte Frau (83jährig ?), die noch einmal Rom sehen wollte,
kam mit ihrer Jungfer her. Sie hat natürlich nichts von dem Aufenthalt als eine Ent-
täuschung. Sie kann ja nicht gehen, kaum ein Stündchen im Wagen sitzen. Und jetzt
dazu d. aufregende Politik
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Und heute waren wir in d. Früh ein kleines Weilchen sehr froh, weil ein Brief v.
Trude – d. erste Nachricht seit d. 11. [März] ! In d. Galerie von S. Luca war nichts
besonders erfreuliches, am unerfreulichsten allerdings die von Lazzaroni hingestifte-
ten Bilder. Um ½ 12 holte uns Bastianelli mit seinem Wagen ab u. wir fuhren nach
Grottaferrata in seine neue Villa. Sie ist in wundervoller Lage auf einem hoch an-
steigenden großen Terrain, das erst ein richtiger Garten werden muß. Ein kürzlich
erst gekauftes altes Bauernhaus daneben (d. Familie mit ihren vielen Kindern war
ihm zu nah an d. Leib gerückt) macht sich sehr gut. Es muß noch innen hergerichtet
werden. Bastianellis Haus ist eines Wasser- etc. Ingenieurs wirklich würdig. So weit
ich es gesehen habe, hat es vier Badezimmer. Und wie herrlich eingerichtet ! Beim
Zimmer d. Herrn, der mit seinem Diener im obersten Stock wohnt (mit Wohnzim-
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien