Seite - 224 - in Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Bild der Seite - 224 -
Text der Seite - 224 -
224
Tagebuch 1938/1
Wenn ich das Gras nicht schere
Versinkt darin der Kies
Der Nußbaum bleibt im Nebel
Es schläft das Paradies.
Wir haben heute zum letztenmal mit Burgs zu Mittag gegessen, die gleich nachher
nach Rom abgereist sind. Im Vorübergehen bei dem Brunnen auf d. Piazza della Sig-
noria sahen wir zu, wie sich ein junges Mädel von dem dort postierten Cameramann
aufnehmen [ließ]. Sie mußte jenseits der Kette einen der am Rand lagernden Bronze-
männer umarmen. Sie tat es u. legte ihre rotlackierten Fingerspitzen um seinen Arm.
Da aber auf diese Weise die anstößige Partie d. Figur auch auf d. Platte gekommen
wäre, hatte sie ein rosaeingewickeltes Paketl ihm auf d. Schoß gelegt, das als Feigen-
blatt wirken konnte. Nach d. Arbeit gingen, d. h. fuhren wir zu Sansoni u. holten uns
dort unser längst fälliges Honorar, das nach allerlei Abzügen 239 L. ausmachte. Dann
haben wir aus d. Alinariphotos ein paar Dutzend ausgemacht, die uns Aufnahmen er-
sparen sollen. Daheim fanden wir d. erste direkt an uns geschickte Post vor u. a. einen
langen Brief mit Formularen, die ausgefüllt werden müssen, aus London von einer
wissenschaftl[ichen] Hilfsstelle. Die haben schnell geantwortet.
–82
29. [März]
Das war ein tiefblauer Morgen nach einer wundervoll durchschlafenen Nacht, die
einiges nachgeholt hat ! Wir haben am vormittag wieder photogr[aphiert], aber das
eigentlich unpraktisch gefunden. Erstens ist da der Studierraum ziemlich frequentiert
u. zweitens ist d. frischeste Zeit dadurch für d. eigentlich wissenschaftliche Arbeit
verloren. Diese war heute sehr ergebnisreich : wir fanden eine Z[eichnung], die nicht
nur zur „Gruppe“ („Greco“, „Tintoretto“) gehört, sondern genau mit dem herrlichen
Blatt vom Lugt mit d. Kreuzaufrichtung zusammenhängt. Und diese Zeichnung trägt
auf d. Rückseite die augenscheinl[ich] gleichzeitige Namensaufschrift : Alessandro
Maganza. Nach dem uns zur Verfügung stehenden Material ist das ein schrecklicher
Maler ([…]). Aber würde das nicht d. Erklärung dafür sein, daß wir kein einziges
Bild, das mit d. Gruppe zusammenhängt, in irgendeinem europäischen Mus[eum]
gefunden haben ? Er war eben nur ein genialer Zeichner – ähnl[ich] wie Palma
Giov[ane], der ja auch als Maler fast immer eine Enttäusch[ung] ist
…83
Wir waren nach d. Arbeit beim Photogr[aphen] Cipriani, wo wir eine Schippel*
Photos einkauften. Dann im Kunsthist[orischen] Instit[ut] (Piazza Sto Spirito 10),
wo wir von Dr Haftmann sehr liebenswürdig empfangen u. herumgeführt wurden
(da Dr
Kriegbaum bis zum 3. April in Berlin ist) u. uns auch gleich zur Arbeit setzen
konnten. Was sonst noch ? Briefe Briefe Briefe schreiben.84
* Stoß
zurück zum
Buch Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)"
Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien