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Tagebuch 1938/1
Kurt Glaser gesprochen, der uns zu sich für morgen einlud. Er sieht sehr schlaganfäl-
lig aus. Zimmermann soll über sich selbst eine Disziplinaruntersuch[ung] beantragt
haben u. inzwischen suspendiert sein, Graf Baudissin wäre gleich in d. ersten Tagen
in Wien gewesen u. hätte dort d. moderne Gal[erie] geschlossen
– solle übrigens auch
selbst jetzt wackeln. Er wußte sonst nichts näheres. Wir konnten ein paar Photos
ausborgen, die wir in d. Uff[izien] vergleichen wollen – das wurde uns gestattet, eine
Ausnahme, daß es überhaupt geschieht. Man will hier viel gut machen.88
2. April
(Burgs schreiben, daß sie sich auf d. Durchreise noch einmal aufhalten, sie kommen
heut abends nach Florenz u. wollen d. Sonntag mit uns verbringen. Hans bringt Frau
Margret jetzt ein Büschel […] zum Willkommen, das unsre Signorine als Veilchen
[…]gezogen haben.) Wir sind mit d. Tintor[etto] im Großen durch ; es fehlen noch d.
grands morceaux d. S[amm]l[un]g Santarelli u. d. im Passepartout. Ab Montag wird
d. Kabinett geschlossen sein, da sie eine neue Austell[ung]
– deutsche Z[eichnun g] en
u. Stiche – herrichten ; Giglioli hat uns, ohne daß wir darum baten, einen ebenso
großen Tisch in einem anderen Raum eingeräumt. Wir waren Nachmittag im Pitti
u. haben in d. Nymphe von Dosso ein Stück Malerei gefunden, das in d. Tat mit d.
Michelsonbild d. größte Verwandtschaft zeigt. Ja, noch in d. späten Bambocciade ist
in den Männerköpfen etwas von seiner Starre zu finden. Dann sind wir piano piano
die Via Foscolo von d. Porta Romana aus hinauf, bis ans Ende u. dann Via Marignolli
u. von dieser nach paar Schritten in d. Via Piana, wo auf Nr. 8A ein Gartentor ist, u.
im Garten drinnen, weit weg vom Tor das Haus, das Glaser von einer Engländerin
gemietet hat. Die Lage ist einzig schön. Wir jausneten im Garten u. gingen dann
in die sehr nett eingerichtete Wohnung. Die Frau kam erst etwas später, er erzählte
uns indessen, wie sich seine Stellung nach u. nach gelöst hat, wie es sich mit seiner
Pension verhält, u. andres über deutsche Rechtsgepflogenheiten, die uns unbekannt
waren. Die Frau hat ein feines Gesicht, ist ein wenig auf pervers hergerichtet, aber
anscheinend eine gute Wirtin. Wir blieben bis es zu dunkeln begann u. versprachen
einmal abends wiederzukommen. Es war ganz nett und ganz ohne Fachgesimpel.
Was hätten wir auch für Gemeinsamkeiten auf diesem Gebiet haben sollen ? ! Zu-
haus war von Anderl eine liebe Karte : er wollte d. Trude schreiben, daß sie seine
Münzensamml[ung] zu Geld machen solle u. dieses f. d. Haushalt verwenden solle.
Und ob er ihr 10 Sch., die er mithatte, zurückschicken dürfe, ohne sich devisenrecht-
lich damit zu versündigen.89
4. [April] früh
(Gestern kamen wir erst um 10h nachhause u. schrieben noch Briefe u. a. an Frau v.
Winter, Schwiegersohn †). Der Sonntag anstrengend wie immer. 1.) Museo Bardini
–
mit geringen Ausnahmen wirklich der Lagerrest, der diesem Antiquitätenhändler
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien