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Tagebuch 1938/1
halten, der eine Verbindung zu Mrs. Shapley (wegen d. Chicago Univers[ity] Press)
herstellen wird. Es wäre nett, wenn unser Venetian Katal[og] gleich im Anschluß an
seine Neuauflage d. Florentiner Kat[alogs] dort erscheinen könnte. Als er hörte, daß
Stix gehen mußte, sagte Bibi, daß um den kein Schad wäre : he was an innkeeper and
no scientific man. (Hart, aber in vielem doch zutreffend). Wir gingen bis in die Däm-
merung hinein zufuß zurück ; am Rand d. Stadt erst nahmen wir d. Autobus. So ein
wundervoller Abend !94
7. [April]
Heut war einiges – kleines – verpatzt ; erstens mußten wir früh aufstehen um recht-
zeitig auf d. Questura zu kommen u. da waren zum Frühstück d. Semmeln noch nicht
da. Zweitens war das bei d. Quästur ein ganz lächerlicher Zeitverlust. Drittens war
die „Deutsche Arbeitsfront“ heute geschlossen u. wir müssen morgen wiederum hin-
gehen. Viertens – nein sonst war nichts verpatzt. Wir haben gut gearbeitet, interes-
sante Blätter gesehen u. uns eingesehen. Z.
B. d. Tizian von Hadeln zugeschr[iebene]
Z[eichnung] d. Lagernden, die Fr[öhlich]-B[um] für eine Tintor[etto]z[eichnung] hielt,
ist das sicher nicht. Es hat nichts von Tintor[etto]’s Abstraktheit, sondern ist d. Bild-
entwurf (vielleicht unter Benützung einer Skulptur) zu einem Prometheus. Man sieht
noch deutlich d. Ketten an d. Armen u. den Adlerkopf. Darum auch d. Abwehrges-
tus d. Hände, der so gar nicht zu der übrigen Greisenruhe paßt. Im Institut trafen
wir mit d. Santifaller zusammen, die zum Erschrecken krank aussieht. Der Leiter –
Kriegbaum – ist aus Berlin zurück ; Hans hat sich mit ihm unterhalten. Wir haben
wieder einmal zuhaus genachtmahlt, den beiden ragazze, die so einsam sind, den
Wurstel vorgemacht.95
9. [April]
(Gestern kamen wir erst gegen 11 nachhaus, sodaß ich nicht mehr zum Schreiben kam.
Auch nicht zum Briefeschreiben u. es ist ein Luftbrief von Lili angekommen !) Wir
haben in d. Früh d. Buch, das sich Anderl gewünscht hat, für ihn besorgt ; das wird sein
Geburtstagsgeschenk. Die Arbeit im Gabinetto war qualvoll gestört, da sowohl Bod-
mer als – o Schreck ! – auch Giglioli unanbringbar waren. Wir haben dann bei einem
Händler Z[eichnung]en angeschaut, es war aber nix. Im Instit[ut] gearbeitet, von wo wir
mit Glaser in sein Landhaus hinaufgingen. Dort hat erst ein Kamin im Speisezimmer
geraucht, dann aber ein Ofen im Wohnzimmer sehr ausreichend geheizt. Es war eine
kleine Gesellsch[aft], d. Bruder d. Frau, ein Dr. Pudelko mit seiner Frau (einer Tochter
Rebers), die sehr liebe Frau Purrmann, die Strohwitwe ist, da ihr Mann sich gerade in
Berlin um d. Weiterführ[ung] d. Villa Romana (die ihm anvertraut ist) bemüht. Sie
wurde ihm für ein Jahr zugesagt, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden wäre. Wiede-
rum hörten wir, wie sehr Zimmermann wackle ; man macht ihm im Nachhinein we-
gen d. Versteigerungskatalog des „Berliner Museums“ eine Disziplinaruntersuch[ung].
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien