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Tagebuch 1938/1
haus fanden wir die Photos vom Russel-Relief („Michelangelo“) u. einen Zettel von
Hartt vor ; er bleibt nur bis Samstag früh u. möchte uns in Österr[eich] gern etwas
besorgen. Er gab eine Adresse an, aber Hans, der gleich hinüberging (sehr nah von
uns) fand ihn nicht dort ! Die Nummer muß falsch sein. Kann man denn so einem
Faselhans etwas anvertrauen ?102
16. [April] früh
(Gestern nicht zum Schreiben gekommen). Hans hat Hartt also in d. Früh erreicht ;
er kam mit ihm herüber. Wir werden ihn vielleicht noch in Mailand wiedersehen,
jedenfalls haben wir vereinbart, daß er in Wien bei Trude wohnen wird. Wir haben
bis um 5 in d. Uffizien gearbeitet u. dazwischen zuhaus endlich von Burgl Post be-
kommen. Gustl ist gegen Süden abgereist u. Burgls Herz ist darüber fast gebrochen.
Armes, armes Mädel. Und doch sind wir so froh, daß sie nicht mitreiste, sondern in
Paris bleibt. Trude schreibt uns, daß V[on] d[er] Heydt schwer erkrankt sei, u. wir un-
sere Reise auf d. Monte Veritá verschieben sollten. Das ist ein wenig lästig, weil alles
schon eingeteilt war. Nach d. Uffizien stiegen wir d. Erta Canina hinauf u. besuchten
Mrs. Hartley. Wir saßen lange im Garten, es war wundervoll blau oben, alle Nuancen
in der Ferne, Glyzinien
– u. Flieder duftend in d. Nähe und […] überall. Mrs Hartley
brachte uns Zuckerln, Zigaretten u. gab uns einen großen Fliederbuschen mit. Wir
kamen zu unserem „Oreste“ wie von einer Landpartie.
–103
Abends.
Gerade totmüde u. ausgepumpt nachhausegekommen. Ein bisserl mich in Pierres
Schreibmaschine einzuschreiben versucht, aber viel zu nervös. Schuld – Pierre ! Das
ist ein Mensch, der einen wirklich umbringt mit seiner Beredsamkeit. Er muß irr-
sinnig sein. – Heut früh war ein gutes Arbeiten (Fortsetzung u. fast Beendig[ung]
d. „Ornamenti“), da Giglioli auf Osterurlaub ist. Dann brachten wir den Malraux zu
Glasers hinauf, machten einen gemeinsamen Besuch bei Contini. (Mittw[och] 4h) fix,
saßen bei ihnen im Garten in d. Sonne, für ein Weilchen (der leere Kinderspazierwa-
gen stand herum, niemand spricht von d. Kind, das nicht normal sein soll) und zogen
wieder ab auf einen anderen Hügel, um bei Pierre Tee zu trinken. Ein entzückender
kleiner Bub, eine sehr sympathische, aber sehr häßliche italien[ische] Freundin, eine
weißhaarige Schwiegermutter, die seinerzeit in Japan Hofmalerin war u. zwischen-
durch zu Pierre sagt : „Ne fait pas des paranthèses.“ Der Kleine, der etwas fragt, wird
zurechtgewiesen : „Ne parles pas quand Babo parle !“ Mein Gott, er kommt niemals
zum Sprechen. Denn der Vater spricht spricht spricht, bis man schachmatt ein Glied
nach dem andern streckt †. Und morgen Mittag sehen wir uns bei Visanis wieder !
Wir fanden einen Abschiedsbrief von Gustl vor.104
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien