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Tagebuch 1938/1
das laut war, sodaß wir d. Fenster schließen mußten.
Am Morgen Regen, aber unbedeutend, schlechtes
Licht, erst nachmittag erfreulich. Wieder den ganzen
Tag im Museum, diesmal z[um] T[eil] mit Zeichnun-
gen. Wir haben alles durch gesehen u. einiges pho-
to graph[iert]. Eine Serie von Imperatoren, die hier
„nach Stichen ?“ heißen, scheinen uns die von Fetti
gezeichneten Originale zu sein. Jedenfalls stimmen
sie nicht mit den Tizian-[…]stichen überein. Der
Direttore Pallucchini (ein ausnehmend sympathischer
Jüngling mit einer hochschwangeren Frau, die uns am
Nachmittag zum Tee empfing –) war gerade seit ges-
tern nicht mehr Direktor. Sein Vertreter (noch keiner
defi nit[iv]) Castelfranco aus Firenze wurde gerade
eingeführt. Er selbst geht nach Venedig, Commune.
Barbantini scheint nur mehr d. Ausstellungsspezi-
alist sein zu wollen. Abends nach Parma, wo wegen
des (heutigen) Viehmarktes alle Hotels voll waren u.
nur mehr ein Zimmer mit Matrimonialbett u. auf d.
Straße ! Entsprechend geschlafen.
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Fortsetzung am Nachmittag in Piacenza (Wir haben schon alles besichtigt !) Un-
ser Vormittag in Parma war sehr lohnend, trotzdem für unsere Venezianer nichts
herausgeschaut hat. Die Stadt hat so ganz andern Charakter als etwa Bologna. Keine
Bogen, alles weit, landstadtmäßig. Eigentlich öde. Aber d. Bezirk Baptisterium Dom
etc. unerhört eindrucksvoll. Das Baptisterium immer eine große Überraschung. Das
Detail nicht so fein u. bedeutend wie in Modena, aber dafür durch Fülle u. Überfülle
wirkend. Das Museum gut aufgestellt ; die Correggios […], jede Bildklasse allein ein
Raum mit besonderen Möbeln dazu. Es war nur die gleichfalls angestellte – Gat-
tin des Direttore anwesend, die uns die paar völlig unbedeutenden venezianischen
Z[eich nung]en, die sie haben, zeigte u. dann einen eigenen Karton mit hunderten
Blättern einer Privatsamml[ung], deren jedes sie per Leika aufgenommen hat u. jetzt
damit nach Florenz reisen wird, um umfassendere Studien anzustellen. Ich hab noch
selten so einen Dreck beisammen gefunden. Bei jedem Blatt fragte sie den Hans
„che pensa, professore ?“ Ich hüllte mich in meine laienhafte Anonymität u. genoß
es, wenn Hans vollkommen sprachlos vor solcher Minderwertigkeit blieb. Wenn die
Arme dann K[ün]stler á la Sebastiano oder Tintoretto vorschlug u. er doch nur Dreck
Dreck dreimal Dreck war ! Wir fuhren dann nach Piacenza den Schachtelkäse im
Zug dinierend. Hier hatten wir d. Museo Comunale auf d. Programm, da einmal ein
paar Pordenonezeichn[ungen] auf d. Rückseite von Puttenskizzen publiziert worden
waren. Es waren aber nur Anatomien von irgendwem späteren. Ferner d. Madonna
Abb. 72 : Baptisterium von Parma.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien