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Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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271 Tagebuch 1938/1 „Rom, 13. März 1938, Mein lieber Anderl, wie, was soll ich dir heute schreiben, wir Alten und du Junger sind heimatlos geworden und teilen die Sorgen um die Zwei, die noch in der Falle geblieben sind. Zunächst will ich dir kurz sagen, wie sich mir die Dinge darstel- len : Schuschnigg hat im allerletzten Moment versucht, eine Art von Volksfront gegen die Nazi[s] zu bilden. Die Reaktion, die sein wirklich tapferes Verhalten auslöste, war, so weit ich es beurteilen kann, eine relativ starke ; jedenfalls hat sich die Arbeiterschaft hinter ihn und seine Regierung gestellt und auch den Bauern (wenigstens in Niederösterreich) war es ernst damit. Hat er die Macht dieser Koalition überschätzt (der er ja durch vier Jahre anti- demokratischen Regimes die Kraft und Organisation selbst zerstört hatte) oder ging ihm das Wasser infolge des siegesbewussten Übermuts der emanzipierten Nazis an die Kehle, jedenfalls entschloss er sich zu dem Gewaltstreich der überraschenden Volksbefragung am 13. III. Seine Idee war[,] durch Überrumpelung einen so eklatanten Erfolg davonzutragen, dass für einige Zeit Ruhe werden könne. Leider hat er durch eklatante Fehler  – verfassungs- widrige Ausschreibung der Wahl, Ansetzung der Altersgrenze mit 24, Verweigerung einer wirklich geheimen Wahl  – der Gegenseite viele Waffen in die Hand geliefert ; außerdem hat seine starke Wandlung nach links den prinzipielleren Antikominternern Anlass zum Ein- schreiten gegeben. Außerdem hatte er nicht darauf gerechnet, daß Deutschland weiß, dass alle vollzogenen Tatsachen stets anerkannt werden ; dazu die Chamberlain’sche Politik in England, die schwere Krise in Frankreich, die Folgen weißt du, eine deutsche Division soll in Wien einmarschiert sein und selbst, wenn das nicht der Fall ist, Österreich ist abgetan. Was in der Welt weiter geschehen wird und auch wie sich die Nazifizierung Österreichs im Einzelnen vollziehen wird, wollen wir heute außer Erwägung lassen, die persönlichen Schicksale brennen uns augenblicklich am allermeisten.“ (Brief HT an Andreas Tietze in Istanbul, 13.3.1938, Privatarchiv Filiz Tietze.) 63 Im Anschluss an HTs Bericht an Anderl versuchte ETC, ihrem Sohn ihren zweckgerichte- ten Optimismus nach Istanbul zu vermitteln : „Im übrigen Kopf hoch ! Es war ja nie anders zu erwarten, nur das wann u. das wie waren verflucht überraschend. Papa fuhr am 11. früh in Wien ab u. war gegen ½ 5 oder so was an der Grenze, die am Abend gesperrt wurde. Er erfuhr erst in d. Früh am 12. in Venedig, wie bedeutungsvoll u. dramatisch d. Tag vorher verlaufen war. Wir fangen ein neues Kapitel unseres Lebens an. Hier in Rom, wo wir vor bald 34 Jahren unser gemeinsames Leben begonnen haben. Damals waren wir zwei junge Leute u. haben ganz langsam unser Haus mit Kind und Händeln [sic !] und Enten sogar ! aufgebaut. Jetzt bauen wir viel schneller ab. Du warst der erste, die andern kommen jetzt dran. Aber wenn alle so lieb schreiben werden, wie du es immer tust (und die Briefe auch wirklich ankommen), so haben wir unser Haus nur ausgeweitet und fühlen alle Fäden zu euch hin als eine beglückende Lebenskraft weiter. Schließlich ist alles ja gar nicht so viel anders gekommen, wie wir es uns vor Jahren schon immer ausgedacht haben. Immer hat der Papa gesagt, im Jahr 1937, wenn d. Stoffel seine Praxis aufmacht u. der Anderl die Univers. hinter sich hat, lösen wir das Haus auf. Du hast d. Konsequenz gezogen, aber der Stoffel hat uns den Strich durch d. Rechnung gemacht, indem er sich 1936 in unserm Haus niederließ. Papa ist voll Zukunftsplänen u. Zuversicht. Wenn wir von d. Kindern gute Botschaft bekommen, wird der letzte Druck gewichen sein. Dann wird er sich jung und unternehmungslustig fühlen wie vor (bald) 34 Jahren. Die
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Erica Tietze-Conrat Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
Titel
Erica Tietze-Conrat
Untertitel
Tagebücher
Band
II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Herausgeber
Alexandra Caruso
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79545-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
346
Kategorie
Biographien
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