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Tagebuch 1938/2
2. Büchel
15. Mai
–
1938
(Fortsetzung Büchel 1, Verona 15. Mai)
[Der] sehr liebenswürdige Direktor d. Gallerie Striusi hat uns den Zugang zur Casa
…
verschafft, wo die entzückende Sala Moretto ist. Unsere Haarlemer Z[eichnung] ist
sicher keine Nachzeichn[ung] einer d. auf d. Balustrade sitzenden Damen, da sie ei-
gentlich zwei Motive kombiniert. Sonst sind ein paar sehr gute Porträts dort, da-
runter ein Moretto, den Moschini als Lotto publiziert hat. Es war herrlich warm,
sommerlich. Wir beschlossen, das nächstemal nicht ins Hôtel Roma zu gehen, viel-
leicht wieder zu Igea und reisten sehr angenehm u. bequem um 5h nach Verona. Die
schöne Fahrt d. Gardasee entlang erfüllte mich nicht wie sonst mit Melancholie, da
ich nicht mehr Abschied nehmen muß, um in d. Norden zurück zu fahren. In Verona
war ein sehr lieber Brief vom Anderl da, eine gute Nachricht von Trude, daß sie Franz
„heut oder morgen“ zurückerwartet. Eine schlechte, daß Peter Kuranda seine Mutter
u. sich selbst erschossen habe. Die Mutter †, er noch am Leben ! Einen guten Brief
von Gosline – Toledo. Wir machten noch einen Corso – Spaziergang, wie es meine
Passion ist, an allen Schuhgeschäften vorbei, entdeckten d. Film Scarelet Pimpernell,
der hier aber Il trionfo della Primula Rossa heißt, gingen aber nicht hinein, weil uns
das Beiprogramm degutierte, weil er italien[isch] synchronisiert war u. weil wir über-
haupt keine Lust hatten. Nachtmahlten in d. Accademia, die ums Eck gezogen ist.
Schliefen mäßig u. arbeiteten heute mit einer 1½stündigen Mittagspause von ½ 9
bis ½ 7. Und dann noch ein halbes Stündchen. Kurz ein Ruhetag. Aber es war sehr
anregend. Wir hatten vor zwei Tagen in Bergamo einen bezeichneten Mansueti ge-
funden, der mit ganz kleinen Abweichungen d. Beweinung bei Carnegiani im Ge-
gensinn wieder holte (arg vergröbernd). Und heute hier im Castell eine Anbetung d.
Kindes, dessen Maria innigst verwandt mit d. Magdalena d. Carnegianibildes, gleich-
falls von Mansueti bezeichnet u. feiner in d. Qualität. Wir haben uns ein wenig in d.
verones[ische] Malerei des späten 16. eingesehen u. das noch in d. Kirchen fortgesetzt.
Für einen Albertina-Farinati (Michaelskampf) gleich in zwei Kirchen das zugehö-
rige Bild gefunden ! Trotzdem unserer Bemühungen haben wir im Gefühl, daß alles
nur Stückwerk ist, das wir mit einem alten Führer u. vielleicht überhaupt erst im Juli,
wenn wir unsere Photos von Trödhan bekommen haben werden, ergänzen müssen.
Zur Orientierung aber war es gut, hereingeschaut zu haben.1
17. [Mai]
Auch gestern – in Verona – war es […] Nacht – so lärmend ! Um ½ 7 Uhr früh
brachen wir auf, was zur Folge hatte, daß in allen Kirchen Messe gelesen wurde u.
die Besichtigung unmögl[ich] war u. daß wir um 10h ein zweitesmal frühstücken
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien