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Tagebuch 1938/2
Regen ! Hier in Vicenza seit 160 Tagen !
Die Bilder hier, die wir von Kirche zu
Kirche gehend, fanden [abgebrochen]
18. [Mai]
Dopolavoro u. z[war] schon Padua u.
wieder gutes Wetter. Meine Füllfeder
war ausgegangen – setzte fort, weiß aber
nicht, wie ich d. Satz beenden wollte.
Vicenza hat uns sehr enttäuscht. Wenn
man nicht auf Architekt[ur] ausgeht, ist
es sehr zweitrangig. Dieser Maganza wie
eine Übersetzung von allen möglichen
fernen Dingen ins temperamentlos –
Bürgerliche. Provinziell im schlimms-
ten Sinn. Nicht eigenbrödlerisch for-
mal, sondern auf ein banales Publikum
Rücksicht nehmend. In einer Kirche, in
der wir einen wohl unterrichteten Mess-
ner kennen lernten, sprach uns auch ein
Prete an, der schließlich einen Giorgione
zeigen wollte, den er privat besaß. Es war
ein Istituto Protti wo wir ihn zu sehen
bekamen (Großer Palazzo, in dem 60
Familien heruntergekommener Adeliger
Wohnung u. Unterstützung aller Art be-
kommen). Es war ein Bild um 1510/20
Porträt eines Bärtigen, aber ein schwaches geistloses Bild. Am Nachmittag zogen in
unser Hôtel fünfzig ungarische Philharmoniker ein, die ein Konzert am Abend (Di-
rigent Karl Krüger aus Kansas City !) geben sollten. Es wurde aus allen Fenstern zu
uns herein auf verschiedensten Instrumenten gleichzeitig geübt, weswegen wir (end-
lich doch) ins Kino gingen. Da d. Platz nur 10 L. kostete, brachte die Wochenschau
Wintersport, u. a. aus „Austria“ und keine Aktualitäten, die uns unangenehm gewesen
wären. Aber es waren geschlagene 3 Stunden u. dabei haben wir nicht einmal das
Ganze mitgemacht.
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Wir kamen um 9 zum Essen, es war schon d. zweite auf d. Karte gestrichen. Und
heute früh haben wir wiederum alle möglichen Kirchen besehen u. sind um 11 nach
Padua gereist. Die Ungarn waren uns aber schon zuvorgekommen u. hatten unser
Hôtel (Centenario) besetzt, sodaß wir wiederum ins Stoppelo fuhren. Wir waren
in Kirchen u. Museen fleißig, haben Moschetti erreicht u. den Z[eichnungen]ka-
Abb. 77 : Der hl. Zeno fischt in der Etsch, Bronzetor der Basilika
San Zeno, 12. Jh., Verona.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien