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Tagebuch 1938/2
talog durchgesehen ; er verspricht aber – für uns – nur ein einziges Blatt von Car-
letto. Es wird morgen für uns vorbereitet sein. Wir waren im Santo und in seiner
Scuola, in S. Giustina, im Seminario (das uns wiederum ausgezeichnet gefiel, Sust-
ris, Campagn[olas], Bassanos u. d. vorzügl[ich] gemalten Lettner (mit Evangelisten,
Aposteln u. Adorierenden, c. 1530/40, aber von wem ?) im Dom. Und anderes mehr.
Immer auf d. Suche nach d. „Gruppe“ – u. immer vergeblich. Hans hat mir trockene
Zwetschken gekauft
– u. auf d. Piazza della Frutta ein etto fragole. Ich hab sie zuhaus
mit dem Löffel, den mir im Februar Burgs für d. Caramellcreme in Paris geschenkt
haben, aufgegessen.4
21. [Mai] Venedig.
Und zwar schon seit vorgestern abends. In Padua haben wir noch einen Aufarbei-
tungstag gemacht (Oratorio S. Rocco sehr interessant f. uns ; d. Fresco von 1525
sicher Do[menico] C[ampagnola], aufgrund d. Holzschnittes „Auferweckung“) ;
Mos chetti hat uns durch sein Museum „geführt“ u. vieles an Seitenhieben Richtung
Fiocco, Planiscig u. s. f. ausgeteilt. Ein eitler Mensch, der nicht sehr viel method[ische]
Forschensart kennt, aber sicher reale Verdienste hat. Das Wetter wurde immer
schwüler u. trüber – hat diesen Charakter, noch mit viel Regen vermischt, bis jetzt
beibehalten. Wir fanden Annas alte Mutter in Venedig am Bahnhof, die Giovannis
Sohn einführte, da Giovanni selbst Arbeit hat. So fuhren wir 4 Mann hoch mit un-
seren paar Tascherln nach der Ca’ d’Oro. Unsre beiden Träger hatten dann viel An-
fechtung von den dort postierten […] zu leiden, es hallte noch lange hinter uns her.
Das Zimmer (das dritte, das wir in dieser Wohnung beziehen) war gleich eingewohnt,
wir bekamen einen größeren Tisch – nur d. Papierkorb fehlt uns noch – u. hatten
mit einer Sendung unserer Photos gleich viel zu tun. Signorina ist noch in ihrem
Fangobad, wird aber von einem Tag zum anderen zurückerwartet. Der Ingegniere ist
nicht mehr bei d. Eisenbahn, er wurde anonym angezeigt, dass er daneben Realitä-
tenhandel treibe, was man im Amt zwar seit 10 Jahren schon wusste, aber jetzt doch
berücksichtigen musste. Er wurde nach Bari versetzt, wo er aber nur 30 Tage blieb u.
[ist] jetzt in Pension. Sein Bub (8½) Mario ist auch hier.
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Das tägliche Leben richtet sich ein
– man ist zuhaus u. hört auf, ein Reisetagebuch
zu führen.
Letzter Mai.
Wir sind gesund, das Wetter ist ganz nett, das Essen u. Schlafen ist erfreulich, wir
haben ein wenig das venezianische Tempo auch auf uns übergeschaltet u. fühlen uns
wohl dabei. Bißchen Bibliotheksarbeit, bißchen Kirchen, bißchen Sammlungen. 2–3
Stunden Vormittag, 2–3 Stunden Nachmittag. Die Society for Protection of Science
a[nd] Learning hat uns vor paar Tagen ein „grant“ bis zum Jahresende zugebilligt, am
1. Juni sollen wir d. erste Rate bekommen. Anderl soll auch in diesen Tagen kommen.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien