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Tagebuch 1938/2
es so sehr, daß ich den widerstrebenden Hans überredete, die Besichtigung zu ver-
suchen. Der Hausherr selbst machte die Führung. Segnoral u. kleinbürgerlich – wie
immer in Italien, aber die Aussicht allein schon beglückend. Zuletzt suchten wir d.
Aussicht an der von uns so geliebten Ecke auf, wo d. Caféhaus extra für d. Grappa
Massiv hingestellt wurde. Wir aber bezogen einen Tisch vis-à-vis im Schanigarten
des Albergo Belvedere. Nachtmahl mit Garnisonshautevolee. Dazwischen ein etwas
übergeschnapptes weißhaariges Frauenwesen, über das d. andern sich Blicke zuwar-
fen. Ein spitznasiger Kellner, der in d. Händen das Zittern hatte. Das ist eine arge
Beeinträchtigung für einen Kellner
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21. [Juli]
(Hôtel Mayer, gut, aber teuer) Trento. Wir fuhren – diesmal nicht mit d. blitzschnel-
len Triebwagen, sondern mit einem 3 x so langsamen laufenden Zug früh morgens
herüber. Auch diese Fahrt ist köstlich, lauter geschnittene Felsen, richtige Dürer-
landschaft-Hieron[ymus] in d. Einödesteinbruch. Trento im Kessel, eigentl[ich] ein
unerfreulicher Anblick als Stadtbild. Aber schönes Detail. Seitdem Trento italienisch
ist, wirkt es unerhört österreichisch. Wir haben am Vormittag Kirchen angesehen,
wie schön ist doch d. Dom mit seinen beiden Freitreppen im W[esten], die höher u.
höher hinauf zu d. Orgelempore ganz hoch oben führen. Im Dante-Garten haben
wir auf einer schattigen Bank zum erstenmal seit langem wieder aus d. Papierl ge-
speist. Dann gut zwei Stunden tief geschlafen. Und ins Castello ! Das ist ein famoses
Schloss, in dem man wie kaum anderswo das fürstliche Leben eines Provinz[…] ken-
nen lernen kann. Was ist doch dieser Romanino für ein Dekorateur u. Dosso für ein
ahnungsvoller Charmeur ! Die vielen Freskenausschnitte, die wir aus Morassi […]
kennen, haben jetzt an d. Wand ihren Platz gefunden u. damit erst ihren Sinn. Wir
sind froh, daß wir da waren. Dann nach sechs sind wir erst auf das Bergl zur Kapu-
zinerkirche hinauf, die vor etwa ein Dutzend Jahren von einem Veroneser Malerei-
professor eine bäurisch-heitere Fassade bekommen hat. Uns hat d. Aussicht gelockt.
Eine andre fanden wir dann jenseits d. Etsch von der alten S. Apollinare-Kirche aus.
Wir nachtmahlten beim Domplatz (Trattoria Venezia) im Schanigarten mit Blick auf
d. Sgraffitohaus, das an dieser Seite sich zwar nur schmal präsentierte – immerhin.
Der zweite Tag unserer „Julireise“, die wir so sehr wegen d. Hitze gefürchtet haben, ist
gut u. genussreich vorübergegangen. Die ganze Stadt ist voll fliegender Ameisen.
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23. Juli.
Verona, Hôtel S. Lorenzo e Caroni. Gleich beim Castello, schmale Straßenfassade,
aber tief bis an d. Adige, sodaß Camere interne sind u. sehr still. (Etwas eleganter
als wirs sonst haben). Der erste Tag – gestern – fing gleich mit einem Versager an :
d. Monsignore Turrini, der die Kapitularbibl[iothek] unter sich hat und den wir we-
gen Zeichnungen aufsuchen wollten, war fuori cittá. Aber das Fräulein Vignola war
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien