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Tagebuch 1938/2
9. August
Dienstag Rotterdam (seit vorgestern Nacht, Hôtel Coomans, verwohnt und teuer –
kurz vor d. Abreise nach Haarlem). Vieles seit d. 5. mitgemacht, nichts erlebt. Am
Abend kamen wir nach Basel zurück, man hatte das gemietete Zimmer in Hôtel
Jura vergeben u. uns ums Eck privat untergebracht. Wir waren böse u. sagten uns
teleph[onisch] am nächsten Morgen in Rheinfelden (wohin wir über d. Tag wollten),
auch über d. nächste Nacht an. Was war das für ein ausruhsamer Tag trotz Vogel.
Blick auf d. Rhein aus d. einen Fenster : eine malerische Brücke, ein malerisches Ört-
chen
– am andern Ufer das 3. Reich, weniger malerisch durch einige kleine Fabriklein
vertreten. Um das weitläufige Haus ein großer Garten mit allerlei Liegemöglichkei-
ten f[ür] d. rheumat[ischen] Kurgäste. Meistens haben wir geschlafen, einige Zeit
auch verge-essen u. abends lange zugeschaut, was nicht weiter aufregend war. Das
einzige Vamp haben wir selbst am Tisch gehabt, eine kleine ungarische Schauspie-
lerin, die d. Vogel kannte – u. wieder auch nicht kannte. Er führte sie bei uns nur als
„Kurier aus Wien“ ein
…24
Am 7. früh fuhren wir nach Basel u. nach einem Stündchen sang- u. klanglos nach
Frankreich, Luxembourg, Belgien ins Holländische herüber. Es war sehr voll u. un-
bequem im Zug u. die Verspätung bis Brüssel so groß, daß wir den Anschlußzug
nach Antwerpen u. damit auch d. bestellten Goldscheider versäumten, falls ihn un-
sere Bestell[ung] überhaupt erreicht hat. Der Zug mit d. wir dann in R’dam anka-
men war sehr bummelig u. das Zubettgehen erheblich später, als wir erwartet hatten.
Gestern – am 8. – gingen wir früh ins Museum, wo uns Hannema mit d. Katalog d.
Aus stel l[ung] aus Privatbes[itz] beschenkte u. mit einer Permanenzkarte auszeichnete.
Im übrigen scheint er für besondere „Herzlichkeit“ seinen links orient[ierten] Gelder
abgeordnet zu haben, da er selbst, ein wenig vernazit, nicht mehr darf. Wir benahmen
uns zurückhaltend u. heiter verächtlich. Die Arbeit ging gut, wir fanden nur wenig
nachzutragen. In d. Ausstell[ung] machte uns d. neu aufgetauchte Vermeer einen un-
erhört starken Eindruck. Am Abend fuhren wir über Gelders Rat auf den Heuvel
hinaus, wo wir nachtmahlten u. auf d. Wasser schauten, das ganz anders (weiß Gott)
als in Lausanne, aber auch sehr reizend war. Und schließlich ins Cinémac – aber
auch noch nicht „schließlich“, denn ein Bier folgte noch nach ! Und trotzdem war d.
Elektr[ische] noch lebendig unter unserem Fenster.25
11. [August]
(Sind schon in Haarlem bei Burgs, die noch paar Tage auf d. „Gans“ segeln.) Ich hab
noch von unserem zweiten Tag in R’dam zu erzählen. Wir haben d. Italiener zuende
gearbeitet u. auch noch einiges photogr[aphiert]. Dr. Gelder lud uns zum Lunch zu-
sammen mit Glück ein, der von England herübergekommen war. Wir speisten oben
auf d. Dach des großen Warenhauses. Sehr erholend. Es war wirklich zum Lachen,
wie d. links orientierte etc. auch diesen Akt d. Höflichkeit dem Direktor abnehmen
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien