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Tagebuch 1938/2
7. September.
Das war jetzt eine lange Pause. Und morgen reisen wir ab. Was hat es in der Zeit
nicht alles gegeben ! Wir haben das Wenigste dafür geleistet. Paar Sammlungen an-
gesehen, vor allem diesmal alle, die uns angingen, fertig gemacht. Dann großer Au-
toausflug (durch d. blühende Heide !) nach Dieren zu Nathan Katz. Täglich den ganz
kleinen Ausflug nach Zandvoort mit Spaziergang am Strand, zu jeder Tages- und
Nachtzeit. Wir waren in Utrecht bei Carla, die das 100-Jahr-Fest ihres Museums
mit einer (uns nicht weiter interessierenden Ausstell[ung] aus Utrechter Privatbesitz)
feierte. Marie Kalat hat uns zweimal besucht u. Hans war mit ihr in A’dam beisam-
men. Wir haben eine Woche lang die Königin u. ihr Regierungsjub[iläum] gefeiert
u. dazu den Burgs eine Fahne geschenkt. Dr Burg hat sich erst sehr gegen d. Fahne
gewehrt, da er als – immer noch ! – Deutscher doch höchstens deutsch beflaggen
dürfe. Als er sich endlich mit d. Gedanken versöhnt hat u. die Fahne (mit Andriessen
(d. Bildhauers)) Hilfe wehte, war zwei Tage lang Heiterkeit in d. Zonnelaan – Die
Fahne war verkehrt aufgezogen mit d. Blau oben u. d. Rot unten, also eine fran-
zösische Tricolore, an der der Oranierwimpel befestigt war ! Und heute waren wir
in d. Pannwitzsamml[ung :] Ein Niederländerraum, ein großer Saal mit Primitiven
u. späteren Deutschen, ein später Gobelinsaal u. einen mit sehr frühen, das Porzel-
lan (!). Der Prachtkatalog ist eigentlich schon überholt ; ein Fuggerportrait (nach
rechts !) scheint direkt d. Unterlage f. d. Jost de Negker clairobscur zu sein (es ist etwa
5 cm mehr, als ich spannen kann hoch). Von Kulmbach eine Geburt Mariae, die eine
ganz eingefühlte Fortsetzung von D[ürer]’s Marienleben ist. Ein entzückendes ganz
kleines Lukasbildchen mit einem L bezeichnet, ein ganz reizender früher Luc[as] v.
Leyden (der nicht im Friedländer X vorkommt). Ein eben gekaufter (S[amm ]l[un] g
Schiff) Rogier, der eine Szene aus d. Leben d. hl. Gregor darstellt (das steht drauf,
in Wirklichkeit ist es der hl. Sergius d. bei Friedländer aus S[amm]l[un]g Friedsam
abgebildet)
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Und was ist nicht alles in d. Weltgeschichte geschehen ? ! Italien hat sich gleich-
geschaltet. Wir gehen nicht hin. Und d. Verhältnisse in d. Tschechei ? Krieg ? Krieg ?
9. [September] Lille.
Wir sind nach rührendem Abschied u. 100 x Umsteigen (sogar Aussteigen bei d.
Grenze !) gegen ¼ 10 hier angekommen, haben Hotel nach Hotel absuchen müssen,
da Lille 600 Kongressleute beherbergen muß. Schließl[ich] kamen wir in 2 Boden-
zimmerchen im Hôtel Maurice unter – u. zubett. Im Museum versuchen wir unser
Glück noch mal, dieses Photogr[aphieren] von Z[eichnung]en unter Glas ist scheuß-
lich ! Eine Raffaelzeichn[ung] (großer Frauenkopf – Rückseite ein flüchtiger Torso
u. 2 Karikaturen) (vor [1]449), sicherer Bacchiacca ! Der Direktor (M. Théodore) ist
tot, sein Unterläufel (M. Jean ? Rigolle ?) in der schwarzen Redingote mit dem Radl
im Knopfloch scheint (provisorischer ?) Leiter zu sein. Das letztemal schwankten
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien