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Tagebuch 1938/2
1. Oktober, Nantes (Hôtel Paris, Zentr[um], lärmend) Feierabend.
Mein Gott, was hat man nicht in diesen 2 Tagen wieder alles erlebt ? Der Krieg ist
abgeblasen, Hitlers Wille fast in jedem Punkt erfüllt. Man ist glücklich – u. doch
verzweifelt. Atempause. Von Österreich bis Tschechei sechs Monate ! Wird der
nächste Schnapper in geometr[ischer] Proportion schneller kommen ? Und doch ist
man glücklich. Es ist dumm, aber das einzig natürliche. Vereinzelte Nachrichten : ein
27 jäh r[i ger] Engländer, der sich unter d. Eindruck von Hitlers Rede im Sportpalast
das Leben nahm. Ein hochzeitreisendes französ[isches] ganz junges Paar, das sich vor
Angst vor d. Krieg d. Leben nahm
…
Wir kamen in Portiers am späten Nachmittag an u. waren glücklich in einem sehr
mäßigen Hôtel (modern) ein fast ebenerdiges Zimmer zu bekommen. Die Stadt war
voll von geflohenen Parisern. Ein kleiner Bub mit seiner Bonne kam auf d. mit Bän-
ken bestandenen Platz vor d. Rathaus : „Ils ont aussi des Champs Elysées“ sagte er.
Die Stadt ist reizend u. das Museum hat hunderte (zum geringen Teil interessante
Zeichnungen), aber nichts für uns. D. h. viele unter Giuseppe Porta, Veronese, ja so-
gar Tizian gehende Blätter, die aber alle später oder anders sind. Eine Tizian z. B.
gegebene Komposit[ion] ist eine Kopie nach Guercinos berühmtem Märtyrerbild
in Rom. Außer der Ursulalegende, die wir vor Jahren schon photogr[aphierten] und
dem Schilling f. seine Nürnberger Malerei gaben, ist noch ein interessantes deutsches
Blatt, (Feder) Abendmahl ; sehr dürerisch, Holzschnittstil mit zwei merkwürdig gro-
ßen Initialen in d. ausgesparten Ecke r[echts] bezeichnend E R (das R kann einmal
auch ein B oder ein A gewesen sein – Erhard Altdorfer ?). Am Nachmittag fuhren
wir sehr angenehm, aber ganz bummelig nach Angers, aßen im Zug u. kamen um
9h an. Wieder war die ganze Stadt mit Parisern überfüllt, die zumeist in ihren Wa-
gen gekommen war[en]. Erst im so u. so vielten Hôtel bekamen wir ein Zimmer auf
d. Bahnhofsplatz hinaus, es stank nach Aas, wir mussten beide Balkonfenster offen
lassen u. bekamen einen abscheulichen Lärm herein. Es war eine sehr unerfreuliche
Nacht, die ich mit Hansens Eau de Cologneflasche an d. Nase zubrachte.40
Aber dafür war d. Tag in Angers anregend. Die Gotik dort schwer als wärs Ro-
manik ; das Gobelinmuseum eine wirklich reine Freude, die Galerie mit einigen ein-
drucksvollen Werken. Eine Skizze von Delacroix zum Sardanapal, ein Detail nur, fast
nur ein Rückenakt, hinreißend leicht gemalt ; die Skizze zum „Floß“ von Gericault ;
das früheste Bild von Millet mit einer tiefgefühlten veristischen Immaculata (?) oder
Magdalena u[nten] l[inks] u. einem klein gemalten Martyrium, für das er einen Stich
als Vorlage benützte, trägt doch d. Henker d. Schwert in d. linken ! Sonst hat uns
eigentlich d. Raffael genannte kleine Bildchen d. hl. Familie ganz gut gefallen u. eine
Bambocciade von Frangipani, vier Halbfiguren grinsend, von dem wir gern ein Photo
bekommen würden (Phot[ograph] Evers wir gaben Flochs Adresse – 5 fr. sind zu
zahlen), da uns das Bild so sehr an d. sogenannten Bartol[omeo] Veneziano bei Rasini
erinnerte. Wir hatten einen wohlausgenützten Vormittag u. reisten um 12h die Loire
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien