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Tagebuch 1938/2
entlang nach Angers her. Es war eigentlich nur eine Stunde Bahnfahrt u. gar kein
Aufenthalt u. wir haben sie zum lunch benützt ; diese herrlichen Weintrauben, die
einem dieses gesegnete Land fast schenkt.
–41
Hier waren wir bisher im Musée […], das sehr reizende graphische Samml[ungen]
hat, z. B. einen Farbstich von Debucourt : [… ], eine im Fenster sitzende lesende
Dame mit Verehrer u. vorbei gehende Bettlerin mit Kind, […], die einem geradezu
ans Herz rührt, ein entzückendes Blatt, das sich neben allen großen Kanonen wun-
dervoll hält. Wir haben wiederum für uns nichts gefunden, waren aber froh, wieder-
einmal Dürergraphik im Original sehen zu können. Die Kathedrale ist schon viel
schulbeispielerische Gotik als in Anjou. Merkwürdig, wie alle diese Kirchen ausge-
leert sind
…
3. Oktober, Rennes (Hôtel Angleterre)
Es gießt ! Ozeanisches Klima, zum Verzweifeln ! In Nantes haben wir am 1. noch den
sehr reizenden Film L’Ecole de St. Agile gesehen (mit Strohheim) u. am nächsten
Tag – Sonntag – den viel weniger guten, auch mit Strohheim – Les pirates du Rail.
Dieser Sonntag – der 2. Okt[ober] – fing so blau an, dass wir uns einen Spaziergang
der Loire entlang […] ließen. Es war ganz einsam mit fast grauschwarzgrünen Ufern
u. stiller Dorfkirche gelegentlich in d. Ferne. Die allmähliche zusammenfließende
Bewölkung sog alles grün heraus, das fast nur grauschwarz übrigblieb. Schließlich
brach d. Wind los u. spritzte so stark, wirklich als wär’ man schon ganz am Meer !
Wir waren schließlich glücklich, von einem Auto aufgenommen zu werden
…42
Am Nachmittag versuchten wir ins Schlossmuseum zu gehen, das ging aber nicht ;
richtig, vorher waren wir in der richtigen Galerie, die sehr interessant war, mit vielen
Bildern für uns, von denen wir sogar (mäßige) Ansichtskarten kaufen konnten u. ei-
nem prachtvollen Ingres – Frauenportrait. Wir waren schließlich – im übrigen auch
schon am Tag vorher – auf einer Foire, wo wir lange beim tapis roulant zuschauten
(mit einer Art Eintänzer, der direkt zur „Novelle“ einlud) und beim Kinderringelspiel
(jedes Zunge zwischen den Zähnen ; einige sehen nur ihr Vehikel, andre ins Publi-
kum ; saure Krickerln* lösen sich bei der dritten Runde
…)43
Und heute war ein Montag Vormittag im Jardin des Plantes (Denkmal Jules
Vernes ; ein riesiges bronzenes Hirschendenkmal in d. Abteilung ganz kleine (eben
kleine durch d. Bronzedenkmal) lebendige Hirsche. Um 12 sind wir herüber gefah-
ren
– 2 Stunden Eisenbahn
– vis-à-vis Dame mit roten Fingernägeln Kreuzworträtsel
lösend, ohne auch nur einen Blick zu werfen oder ein Wort zu sagen zu ihrem Söhn-
chen daneben (weiße Handschuh, 3 Jahre alt ; große runde braunschwarze Augen zu
lichtem schlichtem Haar, lernt bei Hans u. mir zwinkern ; wir wollen ihm doch die
Zeit vertreiben
…)44
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien