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Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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325 Tagebuch 1938/2 entlang nach Angers her. Es war eigentlich nur eine Stunde Bahnfahrt u. gar kein Aufenthalt u. wir haben sie zum lunch benützt ; diese herrlichen Weintrauben, die einem dieses gesegnete Land fast schenkt.  –41 Hier waren wir bisher im Musée […], das sehr reizende graphische Samml[ungen] hat, z. B. einen Farbstich von Debucourt : [… ], eine im Fenster sitzende lesende Dame mit Verehrer u. vorbei gehende Bettlerin mit Kind, […], die einem geradezu ans Herz rührt, ein entzückendes Blatt, das sich neben allen großen Kanonen wun- dervoll hält. Wir haben wiederum für uns nichts gefunden, waren aber froh, wieder- einmal Dürergraphik im Original sehen zu können. Die Kathedrale ist schon viel schulbeispielerische Gotik als in Anjou. Merkwürdig, wie alle diese Kirchen ausge- leert sind  … 3. Oktober, Rennes (Hôtel Angleterre) Es gießt ! Ozeanisches Klima, zum Verzweifeln ! In Nantes haben wir am 1. noch den sehr reizenden Film L’Ecole de St. Agile gesehen (mit Strohheim) u. am nächsten Tag  – Sonntag  – den viel weniger guten, auch mit Strohheim  – Les pirates du Rail. Dieser Sonntag  – der 2. Okt[ober]  – fing so blau an, dass wir uns einen Spaziergang der Loire entlang […] ließen. Es war ganz einsam mit fast grauschwarzgrünen Ufern u. stiller Dorfkirche gelegentlich in d. Ferne. Die allmähliche zusammenfließende Bewölkung sog alles grün heraus, das fast nur grauschwarz übrigblieb. Schließlich brach d. Wind los u. spritzte so stark, wirklich als wär’ man schon ganz am Meer ! Wir waren schließlich glücklich, von einem Auto aufgenommen zu werden  …42 Am Nachmittag versuchten wir ins Schlossmuseum zu gehen, das ging aber nicht ; richtig, vorher waren wir in der richtigen Galerie, die sehr interessant war, mit vielen Bildern für uns, von denen wir sogar (mäßige) Ansichtskarten kaufen konnten u. ei- nem prachtvollen Ingres  – Frauenportrait. Wir waren schließlich  – im übrigen auch schon am Tag vorher  – auf einer Foire, wo wir lange beim tapis roulant zuschauten (mit einer Art Eintänzer, der direkt zur „Novelle“ einlud) und beim Kinderringelspiel (jedes Zunge zwischen den Zähnen ; einige sehen nur ihr Vehikel, andre ins Publi- kum ; saure Krickerln* lösen sich bei der dritten Runde  …)43 Und heute war ein Montag Vormittag im Jardin des Plantes (Denkmal Jules Vernes ; ein riesiges bronzenes Hirschendenkmal in d. Abteilung ganz kleine (eben kleine durch d. Bronzedenkmal) lebendige Hirsche. Um 12 sind wir herüber gefah- ren  – 2 Stunden Eisenbahn  – vis-à-vis Dame mit roten Fingernägeln Kreuzworträtsel lösend, ohne auch nur einen Blick zu werfen oder ein Wort zu sagen zu ihrem Söhn- chen daneben (weiße Handschuh, 3 Jahre alt ; große runde braunschwarze Augen zu lichtem schlichtem Haar, lernt bei Hans u. mir zwinkern ; wir wollen ihm doch die Zeit vertreiben  …)44 * Speichelbläschen
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Erica Tietze-Conrat Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
Titel
Erica Tietze-Conrat
Untertitel
Tagebücher
Band
II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Herausgeber
Alexandra Caruso
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79545-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
346
Kategorie
Biographien
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