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Kapitel 4: Der Streit mit Papst Paul IV. – Neue Begründung des
Kaisertums298
chen Einwänden, die er gegen das Projekt vorbrachte, insbesondere der Beto-
nung von Bestimmungen der Goldenen Bulle, vertrat er implizit die Verwur-
zelung des Kaisertums im deutschen Königtum, welche die andere Seite mit
dem Argument zu lockern trachtete, neue Notwendigkeiten erforderten neue
Lösungen, wenn sie nur dem Wohl des Reiches dienten. Doch wußte Ferdinand
sehr wohl, welche Vorteile die Verfügung über die spanischen und niederländi-
schen Ressourcen seinem kaiserlichen Bruder bot, und darum bemühte er sich,
nachdem er in der Hauptfrage hatte nachgeben müssen, vertragliche Zusiche-
rungen zu erhalten, daß Philipp ihn bei der Verfolgung der spezifisch kaiserli-
chen Aufgaben wirksam zu unterstützen habe. Seine wichtigsten Pflichten als
künftiger Kaiser sah Ferdinand schon damals in der Förderung der Wiederher-
stellung der Glaubenseinheit, sei es durch das Konzil oder durch andere Maß-
nahmen, und der Türkenabwehr287. Die Wahrung des inneren Friedens im
Reich erwähnte er hier nur indirekt, aber er wehrte sich gegen eine Schmälerung
des Reichsbestandes und wollte darum die von Karl verlangte umgehende
Übertragung der Regierung über Reichsitalien an Philipp nicht zugestehen288.
Als Philipp II. sieben Jahre später die Einlösung der Ferdinand schließlich ab-
genötigten Zusage anmahnte, begründete der neue Kaiser seinen Widerstand
damit, sein Kaisertum und seine wie auch des Reiches Reputation würden da-
durch Schaden nehmen289. Ebenso betonte er 1552 im Zusammenhang mit den
Beratungen über die Annahme des Passauer Vertrages die Friedenswahrung im
Reich und die Ermöglichung der Türkenabwehr als Kaiseraufgaben, die gleich-
rangig neben der Restitution der Glaubenseinheit zu beachten seien290.
Im Rahmen seiner Voraussetzungen dachte Ferdinand von seinem künftigen
Kaisertum, das ihm seit zwei Jahrzehnten als Krönung der eigenen Laufbahn
winkte, nicht weniger selbstbewußt als sein Bruder Karl. Die bereits erwähnte
Antwort an die Regierung in Innsbruck gestattet noch einen Blick auf sein spä-
teres Verständnis von seinem Kaisertum291. An erster Stelle steht hier die Wah-
rung von Frieden und Recht. Seit er politisch tätig sei, habe er sich jederzeit und
mit allen Kräften für die Erhaltung des Friedens eingesetzt und die Rechtspre-
chung im Reich gefördert, und obwohl in Rechtshändeln nicht jedem alles ge-
fallen könne, dürfe er sich rühmen, daß ihn persönlich „bissheer niemands aini-
ger partheylichaidt künden beschuldigen wie dann unsers wissens auch nit be-
schehen ist“292. In diesem Zusammenhang nennt er als eine seiner wichtigsten
Leistungen für die Rechtssicherheit im Reich den Religionsfrieden und dessen
strikte Einhaltung von seiner Seite, obwohl die Gegenseite dadurch in etlichen
Punkten begünstigt sei. Als weiteren eigenen Beitrag zur Förderung des Frie-
287 „qu’il promeuve que le conseille aie son efect et execucion, autant qu’il sera possible; ou aultre-
ment, s’il ne povoit avoir efect, promovoir par aultre convenable moiens le meintenemant de la
foy et acort et union d’icele.“ (Druffel 3, S. 177f)
288 Laubach, Karl V., S. 48 mit Nachweisen
289 CDI 98, S. 24–28, bes. S. 26; z T. übersetzt von Kohler, Gesamtsystem, S. 29–31
290 F. an Karl, 22.6.1552 (Lanz, Corr. 3, S. 292)
291 Chmel, Antwort, bes. S. 139–141. Das Original befindet sich im HHStA Wien, Österreichische
Akten Tirol 5, fol 438–477 (freundliche Auskunft von Herrn Dr. Gerhard Rill, Klosterneu-
burg).
292 Chmel, Antwort, S. 140
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien