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Verlauf des Streits nach dem Tod Karls V. 313
schaft zur Verständigung bestünde394. Philipp aber betrachtete die Absicht Fer-
dinands, den Reichstag mit der Angelegenheit zu befassen, mit unverhohlener
Skepsis395 und fragte schließlich mit spürbarer Ungeduld an, warum der Oheim
die Dienste von Vargas nicht in Anspruch nehme396. Nachrichten von einer
schweren Erkrankung des Papstes ließen Ferdinand damals hoffen, bald „ain
pesser pabst [zu] sehn als der yst gewesen“ und den Streit begraben zu kön-
nen397. Er unterließ es während des Reichstages, die Kurfürsten zu einer
schnellen Stellungnahme zu drängen. Als sich Anfang Mai der Gesundheitszu-
stand Pauls IV. besserte398, trat Ferdinand einem Vermittlungsvorschlag seines
Neffen näher. Seine Zustimmung zu dem Plan begründete Ferdinand mit der
Unberechenbarkeit des Papstes und seinem eigenen Wunsch, den „für die Chri-
stenheit skandalösen Bruch“ zu überwinden; aber er verlangte, einstweilen sei
es streng geheim zu halten, daß er selbst von den Zugeständnissen, die Philipp
in Rom anbieten wollte, Kenntnis habe399. Diese Bedingung legt die Vermutung
nahe, daß Ferdinand vornehmlich auf das Angebot einging, um der bereits er-
kennbar werdenden Entfremdung zwischen den beiden habsburgischen Linien
etwas gegenzusteuern400. Denn sein Neffe mutete ihm immerhin zu, Verstöße
gegen die Rechte der Kirche – wenn auch nur unabsichtliche – bei den Rezessen
von Passau und Augsburg einzuräumen, Mißbräuche bei der Besetzung hoher
Prälatenposten in seinen Erblanden zuzugeben und ihre Abstellung zuzusagen
und Erklärungsbedarf hinsichtlich der Erziehung und religiösen Haltung seines
Sohnes Maximilian anzuerkennen401, auch wenn diese Genugtuung in für das
Ansehen des Kaisers möglichst schonender Form erfolgen sollte, nämlich nur
mündlich, ohne Notare und auch ohne andere Zeugen, als Geste eines dem
väterlichen Papst gehorsamen katholischen Sohnes. Als weiteres Zeichen des
Verständigungswillens wollte Philipp dem Papst signalisieren, daß Ferdinand
die Kaiserkrönung aus seinen Händen anstrebe402. Der habsburgische Rechts-
394 Vgl. F. an Philipp II., Augsburg, 3.1.1559 (CDI 2, S. 521f); wenn er seinen Neffen ersuchte, er
möge seine engsten Mitarbeiter, darunter den Bischof von Arras, mit den päpstlichen Vorwürfen
befassen, kann das ein Verzögerungsmanöver gewesen sein.
395 Vgl. seine Bemerkung zu Gamiz, er wünsche sich die Erledigung der Angelegenheit, ehe sie den
Ständen vorgelegt werde (Gamiz an F., Brüssel, 20.1.1559, in HHStA Wien, Spanien, Diplom.
Korr. 5, fol 221)
396 CDI 98, S. 49f: Weisung an Luna, undatiert, (ca. Anfang März 1559 ?)
397 So eigenhändig an Maximilian, Augsburg, 29.3.[1559] (HHStA Wien, HA FK A 2 fol 165v)
398 Am 7.5.1559 wußte man das in Augsburg (CDI 98, S. 62: Luna an Philipp II.)
399 CDI 2, S. 530: F. an Philipp, 17.5.1559. Die Darstellungen von Maurenbrecher, HZ 50, S. 62,
und Schmid, S. 35 sind zu summarisch.
400 Interessendivergenzen bestanden über die Zukunft Reichsitaliens; beim Frieden von Cateau-
Cambrésis hatte Philipp die Interessen des Reiches, insbesondere die Restituierung der lothrin-
gischen Bistümer, ausklammern lassen; in den ersten Monaten des Jahres hatte es Abstimmungs-
probleme gegeben, durch welchen Ehepartner die neue englische Königin Elisabeth den Habs-
burgern verbunden bleiben sollte.
401 Gundelius und Gienger hatten derlei Verstöße rundweg bestritten!
402 Philipp an F. (CDI 98, S. 67–70 und CDI 2, S. 523–526 sind identisch, nur die angegebenen
Daten differieren: 11. bzw. 12. Mai 1559); CDI 2, S. 527–530 Entwürfe von zwei Schreiben
Philipps an Pacheco. Zum Inhalt vgl. Reimann, Streit, S. 315.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien