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Kein greifbarer Fortschritt in der Religionsfrage 321
stände würden ihnen beispringen, sollte natürlich moralischen Druck ausüben,
war aber fast schon ein Topos, denn er findet sich entsprechend abgewandelt in
den Vorlagen für andere Gremien, zum Beispiel für den ungarischen Reichstag
in Preßburg22. Verschwiegen wurde natürlich, daß die ungarischen Stände sich
dort hartnäckig gegen eine höhere Bewilligung für die Türkenabwehr sperr-
ten23.
Kein greifbarer Fortschritt in der Religionsfrage
Wie Ferdinand sich den Gang der Reichstagsverhandlungen vorstellte, verdeut-
lichen die Vorschläge, die Zasius dazu im Fürstenrat unterbreitete, als die Kuri-
en endlich am 20. März ihre Beratungen über die Proposition aufnahmen. Die
lange, Ferdinand verdrießende Verzögerung war vor allem von dem Kurpfälzer
Rat Dr. Heyles verursacht, der ohne Instruktionen seines neuen Kurfürsten
nicht in die Verhandlungen eintreten wollte und sich deswegen eine Ermahnung
des Kaisers zuzog24. Obwohl Zasius der Religionsfrage den Vorrang zuzubilli-
gen schien, die am besten in einem interkurialen Ausschuß erörtert werden
solle, wünschte er gleichzeitige Beratung der Türkenhilfe, damit die beiden
wichtigsten Punkte der Proposition paribus passibus vorangebracht würden.
Jedoch folgte ihm die Mehrheit des Fürstenrates schon in der ersten Umfrage
nicht, sondern alle nach Württemberg votierenden Mitglieder der geistlichen
Bank schlossen sich dessen Auffassung an, die Türkenhilfe zurückzustellen, bis
die Religionsfrage erledigt wäre; im Gegensatz zu Zasius wollten sie auch nicht
mehr diskutieren, ob die Akten des Religionsgesprächs bekannt gegeben wer-
den sollten25. Es war den Österreichern also nicht gelungen, sich rechtzeitig
hinreichende Gefolgschaft für ihren Vorschlag zu sichern, dessen Funktion
doch wohl war, in jenem interkurialen Ausschuß mit Hilfe Kursachsens die
unproduktive Verlesung der Akten des Colloquiums noch zu verhindern und
stattdessen schneller zur Behandlung von Sachfragen zu kommen. Sie scheiter-
ten endgültig, als die Protestanten, deren Voten auch nicht einheitlich gewesen
waren, sich kurzfristig darauf verständigten, sämtlich für die Verlesung zu
stimmen. Am 22. März wurde dem Kaiser das einmütige Bedenken der Reichs-
stände übergeben, man wolle mit der Beratung der Religionsfrage beginnen und
ersuche um Mitteilung der Akten der Wormser Tagung sowie einen Bericht
durch das Präsidium26. Ferdinand erteilte umgehend seine Zustimmung27 und
22 Fraknói 4, S. 210ff: Proposition v. 19.1.1559, bes. S. 215; ebenso schon in der Proposition für den
ungarischen Reichstag 1557 (ebda, S. 47–50, bes. S. 49).
23 Ebda, S. 305f, Ferdinands Befremden über die Haltung der Ungarn in einem Brief an Maximilian
v. 12.2.1559
24 Wolf, Protestanten, S. 165f; Kluckhohn, Briefe 1, S. 32. Ottheinrich war am 12.2.1559 gestorben.
25 Ernst, Bw. 4, S. 623: Bericht v. 21.3.1559. Die Gründe der Katholiken gehen aus dem Bericht
nicht hervor. Wenn sie das Bedürfnis leitete, die Uneinigkeit der Protestanten „bloßzustellen“
(so Luttenberger, Kurfürsten, S. 255), konnte das natürlich nicht gesagt werden.
26 HHStA Wien, RK RTA 42, fol 71r/v: Erstes Bedenken der Stände zur Religion. Die dortige
Datierung (17.3.1559, von Westphal, S. 82, übernommen) muß auf einem Irrtum beruhen, denn
die hessischen und württembergischen Quellen stimmen überein, daß die Beratungen erst am
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien