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Kapitel 5: Der Reichstag in Augsburg
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wollte nun auch keine Verzögerung mehr dulden. Am frühen Morgen des
Ostermontags (27. März) berief er das Präsidium zu sich, um die Modalitäten
festzulegen.
In dieser Besprechung gelang den Katholiken ein überraschender Schachzug.
Der Erzbischof von Trier – sein Vertreter hatte als Assessor fungiert –, stellte
den Antrag, auch sämtliche Nebenschriften und Proteste in die Verlesung ein-
zubeziehen, und drang damit durch28. Die Intention war zweifellos, den Ka-
tholiken einen Vorteil zu sichern, denn diese Nebenakten spiegelten den Zerfall
der protestantischen Delegation in Worms, den man als Hauptursache für das
Scheitern betrachtete29. Nachdem die Publikation beschlossene Sache war, sah
man am Kaiserhof anscheinend keinen Grund, diesem Antrag entgegenzutre-
ten30, wenn so die Verantwortlichkeit – der „Unglimpf“ – jedermann sichtbar
zu machen war. Wie es den Protestanten glückte, jenem Zug einen Teil seiner
Wirkung zu nehmen, indem sie eine Einzelfrage zu einem Konflikt hochspiel-
ten, der den Reichstag tagelang beschäftigte und zu einem zwiespältigen Zwi-
schenvotum an den Kaiser führte, kann hier beiseite bleiben31. Ferdinand be-
mühte sich daraufhin, den Streit unparteiisch und gütlich so zu schlichten, daß
beide Seiten das Gesicht wahren konnten; es nahm einige Zeit in Anspruch, bis
er einen Bescheid erteilen konnte, der von den Protestanten als Erfolg betrach-
tet wurde, während die Katholiken sich mit einer Verwahrung begnügten32.
Dennoch sahen die Protestanten Veranlassung, dem Kaiser Anfang Mai eine
eigene Bewertung der Wormser Vorgänge vorzulegen. Darin behaupteten sie
forsch, der Kaiser werde ohne Zweifel aus dem Bericht des Präsidenten und den
Akten entnommen haben, daß der Mangel an Erfolg nicht den evangelischen
Vertretern zuzuschreiben sei, sondern dem Umstand, daß die Katholiken schon
ziemlich früh erklärt hätten, sie könnten das Wort Gottes als „richter in religi-
ons sachen und handlungen nicht leiden“, und verlangt hätten, weil es „zweyf-
felhafftig“ sei, solle man es „hindansetzen“ und dem „urtail aus der Röm.
bäpstlich kirchen hergeflossen ... allain statt und glauben geben“. Ferner such-
ten sie Ferdinands damaliges Eintreten für eine Fortsetzung des Gesprächs für
sich zu verwerten: Sie hätten das ja auch mehrmals angeboten, während sich die
Katholiken strikt geweigert hätten. Daraus und aus anderen Umständen sei
20.3. begonnen haben (HStA Marburg, PA 1276, fol 7r; Ernst, Bw. 4, S. 623). Auch ist unwahr-
scheinlich, daß Ferdinand für seine Antwort (vom 24.3., s. nächste Anm.) eine Woche benötigt
haben sollte.
27 HHStA Wien ebda, fol 73r/v: Antwort des Kaisers v. 24.3.1559 (ein Entwurf ebda fol 22r/v)
28 Wolf, Protestanten, S. 174, nach einem kursächsischen Bericht
29 Württembergs Gesandte (Herzog Christoph war als Assessor nominiert, hatte sich aber vertre-
ten lassen) haben das anscheinend nicht sofort durchschaut und die Verlesung befürwortet
(Ernst, Bw. 4, S. 625 Anm. 7); die Absicht ist den Protestanten aber schnell klar geworden
(Kluckhohn, Briefe 1, S. 44f).
30 Soweit ist Baumann, S. 202f zu korrigieren, der übersehen hat, daß der Antrag nicht vom Kaiser,
sondern von Trier kam.
31 Eingehend dargestellt bei Wolf, Protestanten, S. 176–180; Luttenberger, Kurfürsten, S. 256f.
Das Votum der Stände in HHStA Wien, RK RTA 42, fol 76–83.
32 Bericht über seine Entscheidung bei Kluckhohn, Briefe 1, S. 60
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien