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Kein greifbarer Fortschritt in der Religionsfrage 323
„leichtlich abtzunemben, wellicher tail zu continuation und fruchtparlicher
endung des Colloquii lust und lieb gehabt oder nicht“33.
Eine Antwort wurde von Seld zwar entworfen, aber Ferdinand beschloß, die
Eingabe mit Stillschweigen zu übergehen34. Die Gründe lassen sich erraten. Seld
hatte eine kurze sachliche Gegendarstellung vorgesehen: Der Kaiser sei „sonst
berichtet, die ursprünglich ursach“ des Scheiterns sei „mehrertails aus dem her-
geflossen“, daß die Anhänger der Augsburgischen Konfession in mehreren
wichtigen Punkten „selbs under ainander zwiespaltig worden“ und sich bis jetzt
auch nicht geeinigt hätten, wie aus etlichen auf dem Büchermarkt greifbaren
Schriften hervorgehe; deswegen sei der Streit „auch mitt eingefallen“, ob einzel-
ne Collokutoren ausgeschlossen werden könnten. Danach sollte betont werden,
der Kaiser sei, so sehr er das Scheitern des Religionsgesprächs bedauere, der
Auffassung, daß die Frage der Verantwortung jetzt nicht zur Debatte stehe, und
gedenke darum „diser zeitt des zerschlagen colloquii halben ires thails niemands
weder zu beschuldigen noch zu entschuldigen“. Indessen war zu erwarten, daß
die Protestanten widersprechen und ein letztlich unfruchtbarer Schriftwechsel
provoziert werden würde, der dem von Ferdinand noch immer festgehaltenen
Ziel, einander in der Religion wieder näher zu kommen, nur hinderlich sein
konnte.
Das Kalkül ging insofern auf, als die abschließenden Beratungen der Stände
über das dem Kaiser vorzutragenden Resümee recht friedlich verliefen, wenn
auch kein einmütiges Bedenken zustande kam. In beiden oberen Kurien
stimmten die Konfessionsparteien darin überein, daß von Religionsgesprächen
nichts mehr zu erwarten sei. Die geistlichen Kurfürsten setzten sich nun für ein
Generalkonzil ein, zumal es, da Frankreich und Spanien Frieden geschlossen
hätten, viel leichter zu realisieren sei; nach dem Bericht des Kurpfälzer Vertre-
ters hätten sie sogar von Einberufung durch den Kaiser gesprochen35. Ebenso
erklärten im Fürstenrat nach einem hessischen Bericht „die uf der geistlichen
bank alle“, sie wüßten keinen besseren Weg als das Konzil36; demnach hätten
auch die Vertreter Österreichs für das Konzil votiert37. Die Protestanten aber
machten deutlich, daß dieser Weg, obwohl sie scheinbar das Universalkonzil als
richtige Instanz anerkannten, zur Zeit nicht konsensfähig war; denn sie äußer-
ten nicht nur Zweifel, ob ein Konzil angesichts der Spannungen zwischen Kai-
ser und Papst realisierbar sei, sondern erhoben ihr Verständnis von einem „frei-
en unparteiischen Konzil“ zur Vorbedingung. Darum wollten die weltlichen
33 HHStA Wien, RK RTA 42, fol 104r-107r und 43, fol 469r-471r: Eingabe der Protestanten v.
2.5.1559 (die Zitate nach letzterem Stück). Der englische Agent Mundt berichtete, die persönlich
anwesenden evangelischen Fürsten hätten das dem Kaiser am 1. Mai in Anwesenheit seines Soh-
nes, seiner Ratgeber und des Herzogs von Bayern vorgetragen (Stevenson 1, Nr. 587, S. 234).
34 Ebda 42, fol 15r/v: undatierter Entwurf Selds mit dem Vermerk „Ist nit übergeben“.
35 Kluckhohn, Briefe 1, S. 67: Bericht v. 15.5.1559
36 HStA Marburg, PA 1275, fol 53r-56v: Bericht v. 11.5.1559 (Kopie); das Zitat fol 56r
37 Leider gibt der Bericht keine Auskunft, wer in dieser Sitzung den Vorsitz geführt hat bzw. ob
die Österreicher diesmal den Vertretern Salzburgs den Vortritt gelassen haben. Der Taktik Fer-
dinands hätte entsprochen, wenn die Österreicher sich nur angeschlossen oder als Vorsitzende
zunächst keine Meinung geäußert hätten.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Titel
- Ferdinand I. als Kaiser
- Untertitel
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Autor
- Ernst Laubach
- Verlag
- Aschendorff Verlag
- Ort
- Münster
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 786
- Schlagwörter
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Kategorie
- Biographien